Flüchtlinge
Der beschwerliche Weg über den Balkan

Hunderttausende sind 2015 über den Balkan nach Mitteleuropa geflüchtet. Mit tatkräftiger Unterstützung vieler Staaten strömten sie vor allem nach Deutschland. Wie kann es im nächsten Jahr weitergehen?

BelgradZuerst kamen im Frühjahr Zehntausende Kosovo-Albaner. Dann machten sich Hunderttausende vor allem aus Syrien, aber auch aus Afghanistan, Pakistan oder dem Irak auf den Weg über den Balkan. Sie erschütterten mit ihrer schieren Anzahl das Rechtssystem und den Zusammenhalt der EU. Doch nun naht der Winter und die Balkanstaaten errichten immer mehr Barrieren auf der Balkanroute.

Warum kommen Flüchtlinge und Migranten gerade über die Balkanroute?
In Südosteuropa sind ausnahmslos kleine, arme und strukturell rückständige Staaten beheimatet. Sie haben weder ausreichend Personal noch Sach- und Geldmittel, um dem Ansturm Hunderttausender etwas entgegenzusetzen. Also setzten sie sich an die Spitze des Trecks und schleusten die Menschen in Staatsregie mit Bussen oder Zügen einfach weiter in Richtung Norden.

Konnten die Transitstaaten gar nichts unternehmen?
Viele Staaten sind so mit eigenen Problemen beschäftigt, dass sie keine großen Anstrengungen auf die Flüchtlingskrise verwenden können oder wollen. Griechenland steckt seit langem in einer schwierigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lage. Mazedonien ist durch innenpolitischen Streit seit eineinhalb Jahren blockiert. Kroatien war monatelang im Wahlkampf mit sich selbst beschäftigt. Als klar wurde, dass die Migranten nicht bleiben, sondern weiter wollten, schwand das Interesse an einer Dauerlösung.

Können die Länder denn nicht gemeinsam das Problem angehen?
Das hat die EU bei ihrem Krisentreffen im Oktober von den Balkanstaaten verlangt. Doch wegen historischer Feindschaften wird eher gegen- als miteinander gearbeitet. Vielen Ländern kommt es nur darauf an, es in der Flüchtlingskrise (angeblich) besser zu machen als der ungeliebte Nachbar.

Ist die freie Fahrt auf der Balkanroute durch Grenzzäune bedroht?
Ungarn hat es mit der Abschottung seiner Grenze zu Serbien und Kroatien vorgemacht. Slowenien ist in einer Lightversion gefolgt. Zwar sind auf 80 der über 600 Kilometer Grenze zu Kroatien Zäune errichtet worden. Das betrifft aber nur die grüne Grenze; die Übergänge bleiben im Prinzip offen. Eine ähnliche Strategie verfolgt Österreich.

Wann kann es auf der Transitstrecke zu Problemen kommen?
Wenn das Hauptzielland Deutschland die Zahl der Einreisenden drosselt. Dann würde eine Art Sackgasse oder ein Flaschenhals geschaffen, vor dem sich die Flüchtlinge stauen. Das ist die große Furcht der Balkanstaaten, die nicht ausreichend Kapazitäten haben, Zehntausende Menschen über einen längeren Zeitraum unterzubringen und zu versorgen. Und das bahnte sich zuletzt an, als Mazedonien Asylsuchenden aus Pakistan, dem Sudan, Kongo, Marokko und Bangladesch den Weg versperrte und nur noch Syrer, Iraker und Afghanen durchließ, die in Deutschland auf Asyl hoffen können.

Wie reagiert die heimische Bevölkerung auf den Flüchtlingstreck?
Die Einheimischen bekommen von dem Riesentreck nur wenig mit – außer dort, „wo es staut“. Alle Regierungen bemühen sich, den Menschenstrom möglichst von den eigenen Bürgern unbemerkt durchs Land zu schleusen. In den Sommermonaten begehrte an einigen wenigen Brennpunkten die Bevölkerung auf, wenn es mangels Absprache der Staaten zu Staus auf der Route kam. Der mazedonische Grenzort Gevgeljija zu Griechenland ist so ein Punkt oder die nordserbische Gemeinde Kanjiza, über die Zehntausende in Richtung Ungarn liefen.

Kann der traditionelle Streit zwischen den Balkanstaaten durch die Flüchtlingskrise wieder aufbrechen?
Ja. Das haben die Spannungen um den neuen slowenischen Grenzzaun zum Nachbarn Kroatien bei Rigonce gezeigt. Zagreb beschuldigte Ljubljana, den Zaun auf kroatischem Territorium gebaut zu haben, was Slowenien bestritt. Wer Recht hat, ist unklar, weil die Grenzziehung dort seit über zwei Jahrzehnten umstritten ist. Beide Seiten bauten eine Drohkulisse auf. Die politische Kunst wird 2016 auch darin bestehen, die schwelenden Konflikte auf dem Balkan in der Flüchtlingskrise nicht neu aufflammen zu lassen.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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