Flüchtlinge im Mittelmeer
„Die Angst geht mit an Bord“

Hunderte machen sich jede Nacht von den Stränden Libyens auf den Seeweg nach Europa. Die Überfahrt auf heillos überfüllten Schiffen ist gefährlich. Doch wer ankommt, will es nicht bereuen, das Risiko eingegangen zu sein.
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TripolisFast schon gehören sie zum Stadtbild von Tripolis: Fremde, vor allem Afrikaner, aber auch viele Syrer, die auf offenen Plätzen, in Parks und an der Uferpromenade herumstehen. Sie sind auf der Suche nach Gelegenheitsjobs - als Bauarbeiter, Gärtner, Putzmänner. Sie heuern für alles an, womit ein wenig Geld zu verdienen ist.

Haitham, ein 28-jähriger Syrer, hatte es besser. Er hatte einen Job als Reporter bei einem Fernsehsender in Tripolis. Doch in Libyen gewann das Chaos Oberhand. Die gewählte Regierung floh in den Osten des Landes. Haithams Sender stellte den Betrieb ein. In seine Heimatstadt Aleppo konnte er nicht mehr zurück: sie ist einer der blutigsten Schauplätze im syrischen Bürgerkrieg. Haitham wollte nur weg, weg nach Europa.

„Für die Überfahrt über das Mittelmeer musste ich einen sogenannten Broker finden, der mir einen Platz an Bord eines Flüchtlingsschiffes vermitteln würde“, erzählt Haitham, der heute als Asylant in Deutschland lebt. „Wir vereinbarten den Preis. Ich bezahlte 600 Euro, 500 Euro für das Schiff, 100 Euro „Provision“ für den Broker.“ Weitere 100 Euro kamen noch für die zeitweise Unterbringung im Einschiffungsgebiet hinzu.

Eines Tages im vergangenen Juli ging es mit dem Bus und anderen Migranten in die Küstenstadt Suwara 90 Kilometer westlich von Tripolis. Dort dauerte es aber fast noch eine Woche, bis Haitham seine Fahrt fortsetzen konnte. Er und die anderen Flüchtlinge wurden zum Strand geführt, wo Schlauchboote auf sie warteten und zu einem Fischereischiff auf dem Meer brachten.

Rund 300 Menschen waren auf dem Kahn zusammengepfercht, erinnert sich Haitham, vielleicht drei Mal so viel, wie draufgepasst hätten. „Die Angst geht mit an Bord“, sagt er. „Und sie bleibt, bis der Trip zu Ende ist.“ Katastrophen wie die vom vergangenen Wochenende ereigneten sich auch vorher schon immer wieder. Wer so ein Schiff besteigt, hat die Horror-Bilder vor dem geistigen Auge: das Kentern auf hoher See, das Sterben in den Fluten.

Die Überfahrt dauerte etwa zwölf Stunden. In der Nähe der italienischen Küste zog der Kapitän mit allen Scheinwerfern und Lampen des Kahns die Aufmerksamkeit der Küstenwache auf sich. Ist ein Boot einmal so weit gekommen, werden die Flüchtlinge von Bord geholt und an Land gebracht. Der Horror-Trip ist dann vorbei.

Im Rückblick meint Haitham, dass sich das enorme Risiko für ihn gelohnt hat: „Es ist grausam, es ist total verrückt, aber es ist der einzige Weg zu überleben.“ In seinem Fall mag es stimmen: die gefährliche Passage übers Mittelmeer hat er überlebt.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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