Flüchtlinge in Frankreich
Im Schlamm von Calais

„Dschungel“ nennt der Volksmund den Slum für Flüchtlinge am Eurotunnel. In seine Nähe haben sich zwei Spitzenpolitiker aus Paris und Brüssel getraut – und eine humanitäre Katastrophe zu Gesicht bekommen. Ein Ortstermin.
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CalaisEr überwand mehrere Stacheldrahtzäune, einen Wassergraben und bewaffnete Kontrollposten, er marschierte fast 50 Kilometer lang durch totale Dunkelheit, ständig in der Gefahr, von einem vorbeirasenden Zug erfasst zu werden. Dann hatte der 40-jährige Sudanese sein Ziel erreicht: die englische Seite des Tunnels unter dem Ärmelkanal, wo er schließlich von Wachmännern aufgegriffen wurde. Die Geschichte spielte sich in diesem August ab und erregte in Frankreich großes Aufsehen. Dass es ein Flüchtling zu Fuß durch den ganzen Tunnel schafft, das hatte es vorher noch nicht gegeben.

Die Migranten versuchen alles, wirklich alles, um ins gelobte Land Großbritannien zu kommen. Sie springen auf anfahrende Züge auf, sie verstecken sich im Kofferraum von mitleidigen Touristen oder sie lassen sich von Menschenhändlern in LKW durch den Tunnel schmuggeln.

Für die Gesellschaft Eurotunnel eine Herausforderung: Allein im Juli und August sind die auf dem Unternehmensgelände stationierten Sicherheitskräfte rund 2500 Mal ausgerückt, um verunglückte Flüchtlinge retten und aufgeschnittene Zäune zu reparieren. Dabei haben sie schon grausige Funde gemacht. Ein Afrikaner ertrank auf dem sumpfigen Areal in einem der viele Tümpel. Ein anderer verbrannte, als er auf dem Dach eines Waggons einer 20.000 Volt-Hochspannungsleitung zu nahe kam.

Insgesamt zehn tote Flüchtlinge gab es dieses Jahr schon in Calais. Doch das schreckt die anderen nicht ab. 3500 warten am Rande der nordfranzösischen Stadt – und sie versuchen es jede Nacht wieder. Wenn sie es nicht schaffen, steht ihnen wieder ein schwieriger Tag bevor in einem Slum, der sich am Rande der Stadt kilometerweit hinzieht.

Gerade ist ein schwerer Gewitterregen auf Calais niedergegangen. Die wackeligen Zelte und Plastikplanen versinken in einem Meer von Schlamm. „Dschungel“ heißt das Camp im Volksmund und es trägt diesen Namen zu Recht. Es gibt hier nichts: keine Toilette, keine Dusche, keine Küche.

Wenn es regnet, suchen die Menschen unter einer Brücke Schutz, doch dort finden nur rund 200 von ihnen Platz. „Was wir hier sehen, ist ein Befehl zu handeln“, sagt Frankreichs Premierminister. Manuel Valls ist an diesem Montag morgen aus Paris angereist. er will ein Zeichen setzen. Diese „untragbaren Zustände“ dürfe ein zivilisiertes Land wie Frankreich nicht länger hinnehmen.

In den „Dschungel“ traut sich Premierminister, wie immer elegant im schwarzen Designer-Anzug und blütenweißem Hemd, an diesem Morgen allerdings nicht. Er besichtigt stattdessen die einzige Einrichtung, die der französische Staat den Flüchtlingen von Calais bislang anbietet: Das Centre Jules Ferry verteilt täglich 2400 Mittagessen. Es gibt hier 30 Toiletten und 115 Schlafplätze für Frauen und Kinder. Jules Ferry öffnet nur von 12 bis 20 Uhr. Danach bleibt tausenden Menschen aus dem Sudan, Eritrea und Syrien nur eins: Der Weg zurück in den „Dschungel“.

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  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Wo der Sozialismus regiert, gibt es keine Sozialisten.

  • Nazitussi!
    Ein Lob für Sie, welche Ehre.

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