Flüchtlinge in Frankreich
Paris zeigt Herz

Bisher hat Frankreich die Augen vor der Flüchtlingskrise verschlossen. Doch die deutsche Solidarität wirkt offenbar ansteckend: In Paris formiert sich Unterstützung. Die politische Auseinandersetzung ist hart.

ParisAm Seineufeer in Paris im Spätsommer 2015: links sitzen die wohlhabenden „Bobos“, Bourgeois-Bohème, auf schick ausgebauten Barken und schlürfen ihren Apéritif. Rechts am Ufer hocken zwei Dutzend Afrikaner vor zwei improvisierten Tafeln und lernen Französisch. Sie gehören zu rund 500 Flüchtlingen, die seit Monaten in kleinen Zelten am Quai d’Austerlitz Zuflucht gefunden haben. Es gibt sechs Toiletten und ein paar Wasseranschlüsse im Freien. Aber immerhin: Sie sind in Sicherheit und werden versorgt von zahlreichen ehrenamtlichen Helfern. Weiter am Ufer lang wird es noch skurriler: In einem modernisierten Gebäude der Hafenverwaltung sitzen das französische Modeinstitut und ein schicker Club. Im Untergeschoss haben Flüchtlinge ihr Lager aufgeschlagen. Paris ist eng. Die Gegensätze stoßen direkt aufeinander.

Man könnte diese Geschichte schreiben als eine Anklage, als Denunziation des Desinteresses der wohlhabenden Pariser am Schicksal der Migranten, die mitten unter ihnen auf der Straße leben. Doch mittlerweile würde man die Lage damit nicht mehr richtig wiedergeben. „Seit einem Monat spüren wir eine Veränderung, viele Leute bieten ihre Unterstützung an“, sagt der pensionierte Lehrer Marc Naelten. Er arbeitet schon seit langem mit denen, die hier am Seineufer gestrandet sind. Die plötzliche Bereitschaft zur Solidarität erklärt er sich so: „Merkel und die Bilder von dem toten Jungen am Strand haben den Umschwung gebracht.“ Solidarität wirkt ansteckend, könnte man das auf eine knappen Begriff bringen.

In Frankreich haben die Medien lange intensiv berichtet über das Elend der Flüchtlinge, die humanitäre Katastrophe, das Mittelmeer, das zum Massengrab wurde. Aber ähnlich wie in Deutschland wurde das als ein Verhängnis geschildert, das einen selber nicht berührt, das unabänderlich ist. Nun ist das anders geworden. Viele Franzosen wollen helfen. „Wir haben beispielsweise mehr Lehrer, die nach der Arbeit die Flüchtlinge unterrichten wollen, als wir derzeit brauchen“, sagt Naelten.

Anne Hidalgo, die sozialistische Bürgermeisterin von Paris, bringt es im Rathaus auf eine Formel: „Wenn wir wollen, können wir auch!“ Viel zu lange seit das Land von der „Lepenisation“, der ausländerfeindlichen Hetze der rechtsextremen Front National und ihrer Chefin Marine Le Pen, gelähmt gewesen. „Doch wenn man die Franzosen richtig anspricht, reagieren sie, sind sie zur Hilfe bereit.“ Da schwingt Selbstkritik mit und auch ein wenig Kritik am Präsidenten. Francois Hollande hat vor einer Woche bei seiner Pressekonferenz länger über die Flüchtlingsfrage geredet, „aber er hat nur den ‚service minimum‘ gemacht, das Mindestmaß dessen, was er sagen musste“, sagt enttäuscht Marc Semo, Auslandschef der linksliberalen Tageszeitung Libération. Merkel dagegen habe „die moralische Führung Europas“ übernommen, attestiert Semo der Kanzlerin. Wenn man weiß, wie hart die deutsche Regierungschefin noch vor kurzem von derselben Zeitung attackiert wurde, bekommt man ein Gefühl für den Stimmungsumschwung, der sich derzeit in Frankreich vollzieht.

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