Flüchtlinge in Griechenland Kälte, Angst, Verzweiflung

Rund 10.000 Flüchtlinge kampieren an der griechisch-mazedonischen Grenze. Die Zustände sind katastrophal: Es fehlt schon jetzt an Zelten und Essen. Und doch kommen jeden Tag noch mehr Flüchtlinge an.
Flüchtlingsfrauen bereiten Gemüse zum Kochen vor. Wegen der vielen Menschen gibt es meistens aber nur Sandwiches. Quelle: AFP
Essensnot

Flüchtlingsfrauen bereiten Gemüse zum Kochen vor. Wegen der vielen Menschen gibt es meistens aber nur Sandwiches.

(Foto: AFP)

IdomeniEin Sandwich, noch ein Sandwich, eine Suppe, eine Orange. Viel hat Kadr Jussef in letzter Zeit nicht gegessen. Sorgen macht sich der 25-jährige Iraker aber nur um seine kleine Tochter, die sechs Monate alte Irene. Zwar verteilt eine Hilfsorganisation im Flüchtlingslager Babynahrung. „Aber ob das ausreicht?“, fragt sich Kadr. Zusammen mit tausenden anderen Flüchtlingen sitzt der Vater am griechisch-mazedonischen Grenzübergang Idomeni fest.

Seit Österreich und mehrere Balkanländer ihre Grenzen für die Flüchtlinge weitgehend dichtgemacht haben, harren die Menschen auf der griechischen Seite der Grenze zu Mazedonien aus. In Idomeni drängen sich nach Angaben der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen inzwischen mehr als 9000 Flüchtlinge, darunter viele Familien mit Babys und kleinen Kindern. Die Hilfsorganisation Save the Children geht davon aus, dass in den Zelten mindestens 2500 Kinder hausen.

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit
„Die hohen Flüchtlingszahlen, die wir sehen, müssen sinken, und zwar schnell.“
1 von 12

EU-Gipfelchef Donald Tusk am Mittwoch.

Fakt: Der Andrang hält an
2 von 12

Rund eine Million Flüchtlinge hat 2015 Europa erreicht. Im laufenden Jahr sind nach Angaben des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNHCR bereits mehr als 110.000 Menschen über den Seeweg nach Europa gelangt. Der Chef der EU-Grenzschutzagentur Frontex, Fabrice Leggeri, erwartet nicht, dass der Andrang im laufenden Jahr nachlässt – schließlich dauere der Krieg in Syrien an und die Lage in Libyen bleibe instabil.

„Die anhaltenden und nicht nachlassenden irregulären Migrationsströme entlang der Westbalkanroute geben nach wie vor Anlass zu ernster Besorgnis und erfordern ein Ende der ‚Politik des Durchwinkens‘.“
3 von 12

Beschluss des EU-Gipfels zu Migration am 19. Februar.

Fakt: Das Durchwinken ist vorbei
4 von 12

Monatelang ließen Staaten entlang der sogenannten Balkanroute Flüchtlinge weitgehend ungehindert passieren oder leiteten sie sogar gezielt weiter. Zahlreiche Flüchtlinge und Migranten gelangten so etwa nach Deutschland und in die skandinavischen Länder. Zuletzt erschwerten aber immer mehr Staaten Flüchtlingen die Weiterreise. Das Nicht-EU-Land Mazedonien lässt an seiner Grenze zu Griechenland nur noch wenige Syrer und Iraker passieren. In der vergangenen Woche war auf der Balkanroute erstmals eine größere Zahl an Flüchtlingen von Slowenien nach Kroatien und weiter nach Serbien zurückgewiesen worden.

„Griechenland wird EU-Beschlüssen nicht zustimmen, wenn die verbindliche gleichmäßige Verteilung von Lasten und Verantwortung nicht umgesetzt wird.“
5 von 12

Griechenlands Regierungschef Alexis Tsipras am Mittwoch vor dem Athener Parlament.

Fakt: Zusagen an Griechenland werden nicht eingehalten
6 von 12

Die Athener Regierung ist verärgert, weil sie sich von anderen EU-Staaten und den Balkanländern alleingelassen fühlt – nicht nur durch Grenzschließungen. Auch die beschlossene Umverteilung von 160.000 Flüchtlingen aus Griechenland und Italien in andere EU-Staaten kommt kaum voran. Am Donnerstag waren erst 598 Flüchtlinge dieser verteilt. Nun droht Tsipras mit Blockaden bei europäischen Entscheidungen. Die nötige Macht hätte er durchaus, wenn einstimmige Entschlüsse der 28 Staats- und Regierungschefs nötig sind – so wie etwa bei den Reformversprechen, die der EU-Gipfel vergangene Woche gegenüber Großbritannien gemacht hat.

„Vergessen wir nicht, dass die Mehrzahl der Flüchtlinge, die zu uns gekommen sind, vor Assad geflohen ist. Er wirft nach wie vor Fassbomben auf sein eigenes Volk.“
7 von 12

Bundeskanzlerin Angela Merkel im Dezember 2015.

„Wir wachen jeden Morgen auf und fragen uns, wie wir es heute schaffen werden“, sagt Jean-Nicolas Dangelser von Ärzte ohne Grenzen, der für die Essensausgabe im Zeltlager zuständig ist. Denn in Idomeni kommen weiterhin jeden Tag mehr Flüchtlinge an, als Mazedonien einreisen lässt. Die Grenze öffnet sich nur für wenige von ihnen und immer nur stundenweise: In der Nacht zum Mittwoch duften rund 170 Flüchtlinge über die Grenze.

Die 16-jährige Sahraa Alschibli, die mit ihrer Familie aus dem Irak geflohen ist und seit zehn Tagen in Idomeni festhängt, hatte eigentlich gehofft, bald weiterreisen zu können – immerhin hat sie die Registriernummer 196. Doch als sich das Grenztor öffnete, hat sie geschlafen. „Wir wussten von nichts“, klagt Sahraa, die mit ihren Eltern und Geschwistern nach Schweden will.

Die Helfer von Ärzte ohne Grenzen verteilen in Idomeni mittlerweile 30.000 Essensportionen am Tag. Weil es nur 6500 warme Mahlzeiten gibt, können oft nur Sandwiches ausgegeben werden, wie Dangelser berichtet. Mehr warmes Essen kann die Hilfsorganisation momentan nicht auftreiben, zumindest nicht zu einem akzeptablen Preis. Die Warteschlange ist Tag und Nacht mehrere hundert Meter lang.

Griechische Medien berichteten am Mittwoch, verzweifelte Migranten hätten in der Nacht an den Türen der rund 100 Einwohner des Dorfes von Idomeni geklopft und um Lebensmittel und Milch für ihre Kinder gebeten. Im Februar sind nach Angaben des Uno-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) insgesamt mehr als 55 000 Migranten in Griechenland angekommen.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Die Angst vor der Zukunft
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%