Flüchtlinge in Griechenland
Selbst arm und trotzdem hilfsbereit

Brennende Unterkünfte auf der einen, offene Türen und Spenden auf der anderen Seite: Die Griechen begegnen der Flüchtlingskrise zwiespältig. Doch ihre Solidarität reißt nicht ab – obwohl sich die Lage weiter zuspitzt.

BerlinEin kleines Haus in Idomeni mit roten Dachziegeln, die Fassade brüchig, alt und grau: Es gehört einem Rentner-Ehepaar. Die beiden können sich selbst nur mühevoll fortbewegen, gehen gebückt und mit kleinsten Schritten. Doch sie helfen. Sie lassen an der Grenze wartende Flüchtlinge ohne zu Zögern in ihr Eigenheim. Die vor Hunger, Krieg und Terror Geflüchteten dürfen sich dort waschen und sich und ihre wenigen Habseligkeiten von Schlamm und Schmutz befreien. Außerdem verschenkt das Rentner-Paar Nahrungsmittel an die Bedürftigen – jeden Tag aufs Neue.

Bilder wie diese des alten Ehepaares nahe der griechisch-mazedonischen Grenze sind es, die die Hilfsbereitschaft der Griechen zeigen. Deren Solidarität mit den ankommenden und im Land ausharrenden Flüchtlingen ist nach wie vor riesig. Die Einheimischen helfen bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln oder sauberem Trinkwasser, vermitteln Hoffnung und Zuversicht und unterstützen bei der Kommunikation mit den örtlichen Behörden. Doch ihre Mittel sind begrenzt.

Die Welle der Solidarität ebbt trotz ausbleibender Fortschritte in den vergangenen Wochen kaum ab. „In Griechenland engagieren sich viele Menschen aus humanitären Gründen“, sagt Hans-Joachim Fuchtel, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und seit 2011 Beauftragter für die Deutsch-Griechische Versammlung, dem Handelsblatt. „Die Unterstützung von Armen und Hilfsbedürftigen hat in Griechenland eine lange Geschichte.“

Ein Teil der Bevölkerung – allen voran im Norden des Landes – hat bereits selbst ähnliche Fluchtsituationen erlebt oder kennt sie aus Erzählungen von Familienangehörigen. Nach dem Ersten Weltkrieg etwa wurden Tausende Griechen aus der Türkei vertrieben.

Auch der Einmarsch des NS-Regimes in den 1940er-Jahren und der griechische Bürgerkrieg (1946-1949) lösten eine Flüchtlingswelle aus. „Wer so etwas selbst mitgemacht hat, ist offener für Hilfe“, sagt Sigrid Skarpelis-Sperk, frühere SPD-Bundestagsabgeordnete und Präsidentin der Vereinigung der Deutsch-Griechischen-Gesellschaften.

Doch auch in Griechenland gibt es vereinzelt Bilder von Protesten, von Wut und sogar blankem Hass gegenüber den Vertriebenen. Das staatliche Fürsorgesystem ist unzureichend, in einigen Städten regt sich nun verbaler Widerstand gegen die ankommenden Flüchtlinge. In Giannitsa, einer kleinen Stadt in Nordgriechenland rund 50 Kilometer entfernt von Thessaloniki, wurden Ende Februar mehrere Militärhallen angezündet, die als Unterkunft hätten dienen sollen.

Der Flüchtlingspakt zwischen der EU und der Türkei zeigt erste Wirkung: Demnach erreichen inzwischen deutlich weniger Flüchtlinge Griechenland als in den Wochen zuvor. Bis Anfang März kamen täglich etwa 2000 Menschen aus der Türkei über die Grenze, am vergangenen Wochenende wagten nur noch etwa 300 Schutzsuchende die gefährliche Überfahrt – Tendenz sinkend.

Der Stau im Landesinneren allerdings bleibt: Schätzungen des Krisenstabs der griechischen Regierung zufolge weilten am Freitag rund 52.000 Flüchtlinge in Griechenland. Demnach harren nach wie vor knapp 11.000 Neuankömmlinge an der Grenze zu Mazedonien aus.

Die Zustände im Elendslager von Idomeni werden von Tag zu Tag schlechter. Innenminister Panagiotis Kouroumplis beschrieb die Lage kürzlich im griechischen Fernsehen mit drastischen Worten: „Ich zögere nicht zu sagen, dass das hier ein zeitgenössisches Dachau ist.“ Am Hafen von Piräus verweilen rund 5700 Flüchtlinge.

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„Das hier ist ein zeitgenössisches Dachau“

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