Flüchtlinge
Tod im Mittelmeer

Die Balkan-Route ist geschlossen, jetzt rückt der Wasserweg wieder in den Fokus: Bei der Überfahrt von Nordafrika nach Europa haben seit Jahresbeginn 1000 Flüchtlinge ihr Leben verloren. Besserung scheint nicht in Sicht.

Als Rettung naht, geschieht das Unglück: Die Passagiere stürzen auf eine Seite des blau gestrichenen Bootes – das reicht, um den überfüllten Kahn zum Kentern zu bringen. Fünf Migranten sterben, 562 Menschen zieht die italienische Marine bei dem Unglück am Mittwoch 20 Seemeilen vor der libyschen Küste aus dem Wasser. Die Überlebenden sprechen von hunderten vermissten Personen – die Opferzahl könnte also noch steigen. Und dann, nur einen Tag später, folgt am Donnerstag das nächste Drama mit mindestens 20 Todesopfern.

Nachdem der Flüchtlingsandrang aus der Türkei abgeflaut ist, rücken die dramatischen Bilder dieser Woche Tragödien in den Blick, die beinahe ins Vergessen geraten waren. Auf Europas gefährlichster Flüchtlingsroute von Nordafrika nach Italien haben seit Jahresbeginn knapp 1000 Menschen das Leben verloren. Besserung ist nicht in Sicht.

Denn Libyen, das seit dem Sturz von Machthaber Muammar Gaddafi 2011 im Chaos versunken ist, ist zum Tor vieler afrikanischer Migranten nach Europa geworden. Rivalisierende Regierungen kontrollierten bis zuletzt jeweils den Osten und Westen des Landes. Ob eine von den Uno unterstützte Regierung sie vereinen kann, muss sich noch zeigen. Unterschiedliche Milizen bekämpfen einander – und mittendrin hat sich die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) breitgemacht.

Zwischen 700.000 und einer Million Flüchtlinge und Migranten halten sich nach Angaben des IOM-Missionschefs für Libyen, Othman Belbeisi, in Libyen auf. „Es weiß allerdings niemand, wie viele von ihnen nach Europa wollen“, so Belbeisi. Viele Migranten würden in das nordafrikanische Land kommen, um dort zu arbeiten. Im ölreichen Libyen gab es schon immer viele Gastarbeiter.

Doch die Nachfrage nach der gefährlichen Überfahrt reicht, um Menschenschmugglern inmitten des Chaos ein millionenschweres Geschäft zu ermöglichen. An den Stränden Libyens verfrachten sie Migranten in klapperige Holz- und Schlauchboote. Einige hundert oder tausend Dollar pro Person kostet die Überfahrt nach Italien.

Mit dem Beginn der warmen Saison hat der Flüchtlingsstrom aus Nordafrika in Richtung Italien wieder deutlich zugenommen. Allein zwischen Montag und Dienstag wurden bei zahlreichen Einsätzen internationaler Hilfskräfte mehr als 5600 Migranten im Mittelmeer gerettet und nach Italien gebracht.

Doch so tragisch jedes einzelne Schiffsunglück ist, von einem dramatischen Anstieg der Zahlen auf der zentralen Mittelmeerroute kann bisher keine Rede sein. Im vergangenen Jahr seien bis zum 25. Mai insgesamt etwa 40.000 Flüchtlinge gelandet, in diesem Jahr seien es 39.600, sagt der italienische Sprecher der Internationalen Organisation für Migration (IOM), Flavio Di Giacomo, der Deutschen Presse-Agentur. „Die Zahl hängt auch immer vom Wetter ab, bei gutem Klima stechen mehr Flüchtlinge in See.“

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