Flüchtlinge und Grenzen: Zäune helfen Schleppern

Flüchtlinge und Grenzen
Zäune helfen Schleppern

Je mehr Europa die Grenzen schützt, desto stärker sind Flüchtlinge auf Schlepper angewiesen, sagt Experte Gerald Tatzgern. Was der leitende Mitarbeiter im österreichischen Bundeskriminalamt rät, um Schlepper zu stoppen.

WienHerr Tatzgern, zuletzt hat sich der Andrang der Flüchtlinge etwas abgeschwächt. Staaten auf der Balkanroute sichern ihre Grenzen besser. Werden die Zeiten für Schleuser härter?
Nach der Hochphase im Sommer ist die leicht sichtbare Schlepperei mit Kastenwagen und kleinen Lkw zurückgegangen. Aber die Schleuser sind nach wie vor äußerst aktiv - im Herkunftsland, auf den Routen, in den Unterkünften. Keiner der Kriminellen will sich das Milliardengeschäft entgehen lassen. Das ist wahrscheinlich inzwischen einträglicher als Waffen- und Drogenkriminalität.

Haben sich die Preise verändert?
Nein, pro Person werden zwischen 8000 bis 12.000 Euro verlangt. Kinder kosten etwas weniger. Es gibt Pauschalpreise für Familien. Eine vierköpfige Familie zahlt etwa 30.000 Euro.

Kommen noch weitere Kosten auf die Flüchtlinge zu?
Aktuell liegen die Preise für einfache Schlauchboote, wie sie bei uns im Supermarkt für wenige Euro zu haben sind, bei rund 1300 Euro. Wer von der Türkei auf griechische Inseln übersetzen will, zahlt einen vom Wetter tagesabhängigen Preis. Das ist aber nur ein Beispiel für Zusatzkosten. Jeder will verdienen.

Wie wird sich die Situation entwickeln?
Der Flüchtlinge haben weiterhin keine Wahl. Man kann in Afghanistan oder Syrien nicht einfach seinen Rucksack packen und losziehen. Jeder ist auf Schlepper und ihre Dienste angewiesen. Ob in Europa ein Zaun gebaut wird, ist für die Schlepper eher irrelevant. Sie haben ihr Geld schon verdient.

Die Schleusung wird gegebenenfalls nur anspruchsvoller und schwieriger?
Je stärker die Maßnahmen, umso mehr braucht es Schleuser. Aber man kann auch nicht einfach die Türen aufmachen. Jeder Staat hat ein Recht zu erfahren, wer in oder durch das Land reist. Eine legale Einreisemöglichkeit - mit Checken des Asylantrags außerhalb der EU - könnte zumindest den Umfang der Schlepperei etwas eindämmen.

Der Tod von 71 Flüchtlingen in einem Lkw an der österreichisch-ungarischen Grenze hat die Grausamkeit dieses Geschäfts überdeutlich gemacht. Haben solche Fälle die Flüchtlinge zurückhaltender gemacht?
Die Flüchtlinge wissen genau, worauf sie sich einlassen. Sie sind sehr gut vernetzt und erfahren solche Dinge. Es gibt aber keine Alternative für sie, wenn sie weg wollen. Die Schlepper gehen jedenfalls mit äußerster Skrupellosigkeit vor. Gerade die Tschetschenen sind bekannt dafür. Da ist kein Mitgefühl zu erwarten.

Wie viele Schlepper sind in diesem Jahr in Österreich aufgegriffen worden?
Das ist eine vierstellige Zahl, die wir erst in wenigen Wochen genau veröffentlichen werden. Jedenfalls war es für die Gefängnisse eine große Herausforderung, die vielen Verhafteten unterzubringen.

Und das wird so weitergehen?
Die Schleuser-Aktivität wird im Prinzip genauso stark bleiben, vielleicht sind etwas weniger „Indianer“ dabei. Was die Flüchtlinge angeht, rechne ich für Deutschland mit einer ähnlich hohen Zahl wie in diesem Jahr. In Österreich wird die Zahl der Asylbewerber steigen. Das Land wird immer mehr zum Zielland.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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