Flüchtlinge
Zahl der Migranten überfordert Hilfsorganisationen

Das Jahr mit der größten Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg geht zu Ende. Doch 2016 könnte sie noch größere Ausmaße annehmen. Helfer erklären, warum gerade Syrer sich auf den Weg nach Europa machen.

GenfMindestens zweimal pro Woche wird im Palais des Nations das Zahlenwerk der Not aktualisiert. Im Genfer Sitz der Vereinten Nationen – einst das Quartier des machtlosen Völkerbundes – berichten UN-Hilfsorganisationen regelmäßig über die Entwicklung der Flüchtlingskrise. Hinter den Zahlen verbirgt sich unendliches Leid. Zahlen, die von Woche zu Woche größer wurden und werden. Und die jedem politisch Verantwortlichen spätestens im Sommer 2014 – also ein Jahr vor Angela Merkels „Wir schaffen das“ – vor Augen führen konnten, wohin diese Krise führt.

Schon 2014 war bei der Uno von der größten Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg die Rede. Was dann 2015 geschah, war aus Sicht von Helfern eine „Tragödie mit sehr langer Ansage“. „Für Hunderttausende Flüchtlinge verschlechterten sich die Lebensbedingungen in Syriens Nachbarländern zusehends“, sagte Melissa Fleming, Sprecherin des Uno-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR). Doch viele Appelle, die nötigen Finanzmittel für die Versorgung dieser Menschen bereitzustellen, verhallten scheinbar ungehört.

So musste das Welternährungsprogramm (WFP) Lebensmittelhilfen für syrische Flüchtlinge in der Region massiv kürzen. Für viele seien nur noch 50 Cents am Tag übrig geblieben, sagte WFP-Sprecherin Bettina Lüscher im Oktober. „Diese Mangel trägt dazu bei, dass Menschen nach Europa weiterziehen.“ Inzwischen haben Staaten wieder mehr Geld versprochen. Doch allein im Monat Oktober floh die fast unglaubliche Zahl von beinahe 220.00 Menschen übers Mittelmeer – fast so viele wie im gesamten Vorjahr.

Dabei entschlossen sich viele auch aus Sorge vor einer Änderung der offiziellen „Wir-schaffen-das“-Haltung, noch „rechtzeitig“ aufzubrechen. „Dass Deutschland eine generöse Asylpolitik hat, gehört mit zu den Faktoren“, sagt der Europa-Sprecher des UNHCR, William Spindler. Das wohl schon, aber zu den Ursachen gehört es nicht.

Die wichtigsten Gründe benannte der Hochkommissar der Vereinten Nationen für Flüchtlinge, António Guterres, kürzlich vor der Uno-Vollversammlung in New York: „Durch 15 neue oder neu aufgeflammte Konflikte allein innerhalb der letzten fünf Jahre hat sich die Zahl der Menschen, die pro Tag in die Flucht getrieben werden, beinahe vervierfacht – von weniger als 11.000 im Jahr 2010 auf 42.500 im zurückliegenden Jahr.“

So ist die Gesamtzahl der Menschen, die auf der Flucht sind – sowohl innerhalb, als auch außerhalb ihrer Heimatländer – bis Ende 2015 laut UNHCR auf mehr als 60 Millionen gestiegen. Dieses riesige Ausmaß an Not und Leid übersteigt die Kapazitäten der Helfer.

„Wir müssen uns der Wahrheit stellen“, forderte Guterres. „Selbst wenn sie alle ihre Ressourcen bündeln, sind die humanitären Helfer – Uno-Agenturen, das Rote Kreuz und der Rote Halbmond sowie Nichtregierungsorganisationen – inzwischen einfach nicht mehr in der Lage, den Schutz und die lebensrettende Hilfe zu leisten, auf die Menschen in Not angewiesen sind und auf die sie ein Anrecht haben.“

Darin sieht Guterres, der sein Amt nach zehn Jahren nun an den italienischen Diplomaten Filippo Grandi übergibt, auch einen wichtigen Grund für den Drang Hilfesuchender, in reiche europäische Länder zu gelangen. Gerade vielen Syrern fehlt nach Angaben von Helfern das Vertrauen, dass ihnen in der eigenen Region noch ein menschenwürdiges Überleben ermöglicht wird.

Auch deshalb rechnen Uno-Experten nicht damit, dass der Zustrom von Flüchtlingen 2016 nennenswert geringer wird – jedenfalls nicht, wenn Kriege und bewaffnete Konflikte nicht spürbar eingedämmt werden. Europa mag das derzeit am stärksten zu spüren bekommen. Doch es ist keineswegs allein von der größten Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg betroffen.

„Lasst uns nicht vergessen, dass wir mit einem globalem Problem konfrontiert sind“, mahnt Guterres. Auch in Zukunft würden die weitaus meisten Flüchtlinge in anderen als europäischen Ländern versorgt werden müssen. So habe die Terrororganisation Boko Haram im Norden Nigerias bereits 2,5 Millionen Menschen in die Flucht getrieben. Zu oft werde auch übersehen, dass die größten Flüchtlingsgruppen seit Jahren im Iran und in Pakistan versorgt werden – rund 2,5 Millionen Kriegsflüchtlinge aus Afghanistan. Und rund eine Millionen Somalier lebe immer noch in Lagern benachbarter Länder, vor allem in Kenia und Äthiopien. Schließlich seien auch in Asien und Mittelamerika Zehntausende Menschen vor Gewalt und Elend auf der Flucht.

Anders als viele andere Länder der Welt, in denen Flüchtlinge leben, haben die EU-Staaten nach Überzeugung des portugiesischen UN-Kommissars die nötigen Kapazitäten, so eine Krise zu meistern. Gelingen könne dies nur gemeinsam. Zur Wahrheit gehöre dabei auch dies, sagte er vor der Uno-Vollversammlung: „Alle unsere Nationen werden sich wandeln zu multi-religiösen, multi-ethnischen und multi-kulturellen Gesellschaften. Das ist, glaube ich, nicht nur unvermeidlich, sondern es ist auch gut so.“

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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