Flüchtlings-Drama in Österreich
„Es ist ein Lastwagen voller Leichen“

In Wien berät die Westbalkan-Konferenz über Flüchtlinge – während Polizisten ganz in der Nähe einen grausigen Fund machen: An einer Autobahn entdecken sie in einem abgestellten Schlepperfahrzeug bis zu 50 tote Menschen.
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EisenstadtTragödie in Österreich: In einem Kühllaster, der im Burgenland auf der Autobahn A4 abgestellt war, wurden bis zu 50 Leichen entdeckt. „Wir gehen davon aus, dass es sich hier um Flüchtlinge handelt“, sagte ein Polizeisprecher. Was genau sich in dem LKW mit ungarischen Kennzeichen und dem Schriftzug einer slowakischen Hühnerfleischfirma abgespielt hat und wann die Menschen starben, konnten die Ermittler am Donnerstagnachmittag noch nicht sagen. „Es ist ein Lastwagen voller Leichen“, teilte das Innenministerium in Wien lediglich mit. Die Tatortarbeit und die Bergung der Toten laufe. Vermutet wurde, dass die Flüchtlinge erstickt sind.

Der Lastwagen war Mitarbeitern des Autobahn-Streckendienstes Asfinag aufgefallen. Sie hatten die Polizei gerufen. Das Ziel des Fahrzeugs sei nicht bekannt, das Führerhaus verlassen gewesen. Nach den Schleppern werde mit Hochdruck gefahndet. Der LKW war in einer Pannenbucht im Autobahnabschnitt bei Parndorf (Bezirk Neusiedl am See) abgestellt. Aus dem Laderaum quoll laut Landespolizeidirektor Hans Peter Doskozil Verwesungsflüssigkeit. Der Wagen sei wahrscheinlich am Mittwoch dort abgestellt worden. Die Flüchtlinge könnten aber schon früher gestorben sein.

Der deutsche Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) zeigte sich bestürzt über die Flüchtlingstragödie. „Dass dort viele, viele Menschen ersticken, weil verbrecherische Schleuser an diesen Menschen und den unwürdigen Transportbedingungen Geld verdienen, macht mich wütend und fassungslos“, sagte de Maizière. Es komme nun darauf an, den Täter sowie die Hintermänner zu fassen. Deutschland werde Österreich hier helfen, soweit dies möglich sei.

Der grausige Fund ereignete sich damit am Tag der Westbalkan-Konferenz in Wien, die sich mit der anhaltenden Flüchtlingskrise beschäftigt. Die sogenannte Westbalkan-Route wird von zahlreichen Flüchtlingen genutzt, die in der EU auf ein sicheres Leben hoffen. Kurz bevor die Nachricht bekannt wurde, hatte Österreichs Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) noch zu einem verstärkten Kampf gegen Schlepper aufgerufen. Einigkeit herrschte bei dem Treffen, dass die aktuelle Flüchtlingskrise nur mit einer gemeinsamen Strategie der EU bewältigt werden kann.

„Diese Tragödie macht uns alle betroffen“, betonte Österreichs Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP). „Schlepper sind Kriminelle. Und wer jetzt noch immer meint, dass es sanftmütige Fluchthelfer sind, dem ist nicht zu helfen.“ Sie sprach von einem „dunklen Tag“.

„Wir haben gemeinsam die Pflicht, etwa jene, die an diesem Leid auch noch verdienen, in die Schranken zu weisen“, sagte Faymann mit Blick auf den Flüchtlingsstrom gerade auf dem Balkan. Auch in dieser Frage sei ein gemeinsames Vorgehen der EU nötig. „Jeder ganz allein, erst recht gegen den Anderen, werden wir diese Herausforderung nicht lösen können“, betonte Faymann in seiner Eröffnungsrede.

Einigkeit herrschte bei dem Treffen in Wien, dass Maßnahmen wie der Bau des Grenzzauns in Ungarn nicht wirklich helfen. „Wir sind keine Verfechter von Grenzzäunen. Wir glauben auch nicht, dass Grenzzäune am Ende das Thema Migration lösen werden“, sagte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) in Wien.

Der österreichische Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) sagte, es sei beschämend, dass Griechenland als EU-Land die Flüchtlinge einfach ins benachbarte Nicht-EU-Land Mazedonien durchwinke. Die EU müsse über ganz neue Wege im Asylverfahren nachdenken. Dazu könne auch die Möglichkeit gehören, bereits im Heimatland der Flüchtlinge eine Asylprüfung vorzunehmen. 

An der Konferenz, bei der es auch um die Begrenzung des Zustroms von Asylbewerbern aus dem Westbalkan gehen sollte, nahmen auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU), die EU-Außenbeauftragten Federica Mogherini und der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi teil. Vom Balkan waren die Regierungschefs aus Mazedonien, Albanien, Bosnien-Herzegowina, dem Kosovo, Montenegro und Serbien eingeladen. Im laufenden Jahr stammten fast 45 Prozent aller Asylanträge in Deutschland von Menschen aus diesen sechs Staaten. 

Der Uno-Hochkommissar für Flüchtlinge, António Guterres, forderte erneut ein besseres System für die legale Aufnahme von Asylsuchenden. Nur so könne man Flüchtlinge vor Schleppern schützen, sagte Guterres in einer gemeinsamen Stellungnahme mit Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve in Genf. „Wenn wir gegen Menschenhändler kämpfen, die Opfer schützen und ein System in die Wege leiten, das es Flüchtlingen erlaubt, legal Asyl zu suchen, dann werden wir Erfolg haben“, so Guterres. Ein EU-Aufnahmezentrum könne die Lösung sein, sagte Cazeneuve.

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dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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  • >> Die EU müsse über ganz neue Wege im Asylverfahren nachdenken.<<

    Nicht nur nachdenken; HANDELN !

    1. Bürgerkriegsflüchtlinge sollten überall auf der Welt in den Botschaften / Konsulaten einen Antrag auf Asyl stellen können.
    Damit würde bereits im Vorfeld bekannt wer kommt. einreise kann dann auf jedem beliebigen Weg erfolgen -> die Flüchtende Mittelschicht bringt mehr Geld mit und die Schlepper bekommen weniger. Zudem muss nicht umständlich die Identität geprüft werden weil Ausweisdokumente fehlen.

    2a. Wer dennoch illegal herkommt fliegt sofort wieder raus - OHNE PRÜFUNG !
    2b. wessen Herkunft nicht bestimmt werden kann kommt in ein Lager / Insel (so wie in Australien) . Diesen Leute werden 2 Möglichkeiten zur Auswahl gegeben: entweder im Lager bleiben bis man sie wirklich mal braucht oder Rückkehr in ihr vermutliches Herkunftsland mit einem kleinen Taschengeld und die Aussicht nie wieder in die EU einreisen zu dürfen.
    UND - ganz wichtig - in jedem Fall sterilisieren

    3. Hilfslieferungen der EU bei Katastrophen aller Art müssen an die Bedingung der Geburtenkontrolle geknüpft werden

    4. kann jeder selber umsetzten: keine Hilfen mehr für Hungernde (ja, besonders wenn Kinder betroffen sind tut diese Entscheidung sehr weh, aber es ist momentan die einzige Möglichkeit die Vermehrungsrate zu senken)

  • Tod im Kühllastwagen
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    Was genau sich in dem Kühl-LKW mit ungarischen Kennzeichen und dem Schriftzug einer slowakischen Hühnerfleischfirma abgespielt hat und wann die Menschen starben, konnten die Ermittler am Donnerstagnachmittag noch nicht sagen. Vermutet wurde, dass die Flüchtlinge erstickt sind.

    Da man ja das ungarische Kennzeichen hat, lässt sich ja der Besitzer des Fahrzeuges feststellen.
    Und da schon Verwesungsflüssigkeit auslief, muss der LKW schon länger dastehen.

    Wo auf der Balkanroute der LKW gestartet ist, steht noch nicht fest.
    Auch nicht die Identität der Flüchtlinge.

    Falls die Schlepper gefast werden sollten, würde mich das Strafmaß für diesen 50-fachen Mord interessieren.

  • Für Herrn Gauck , als gelernter Bestmensch .... ist alles klar : Himmel oder Hölle , Gott oder Teufel : und willst du nicht mein Bruder sein ....

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