Flüchtlingshilfe im Mittelmeer (Teil 2) Notfalltraining auf hoher See

Tausende Menschen riskieren die Flucht über das Mittelmeer. Ihnen kommt vor Libyens Küste die „Aquarius“ zu Hilfe. Unsere Reporterin ist an Bord des Schiffs – und erlebt, wie akribisch sich die Crew auf Notfälle vorbereitet.
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Übung auf See: Die Crewmitglieder proben den Ernstfall. Quelle: Anthony Jean
Rettungsschiff „Aquarius“

Übung auf See: Die Crewmitglieder proben den Ernstfall.

(Foto: Anthony Jean)

Trapani/SizilienDie Stunden an Bord der „Aquarius“, mit der die Nichtregierungsorganisationen (NGO) Ärzte ohne Grenzen und SOS Mediterannee Flüchtlinge in Seenot retten, verfliegen. Die Aufgaben sind klar verteilt. Während einige NGO-Mitarbeiter im Schichtdienst mit Feldstechern den Ozean nach Schlauchbooten absuchen, proben andere den Ernstfall.

So auch an diesem Tag: Was muss passieren, wenn zu viele Flüchtlinge gleichzeitig an Bord kommen? Das medizinische Team auf der „Aquarius“ besteht aus einer Ärztin, zwei Krankenschwestern und einer Hebamme. Da sie nicht alle Bedürftigen gleichzeitig versorgen können, müssen sie die am stärksten Notleidenden von den anderen unterscheiden. Bewusstlose, Menschen mit Schusswunden oder starker Unterkühlung sind zuerst an der Reihe. Andere Crewmitglieder kümmern sich dann um die weiteren Geretteten.

Mittlerweile hat die Crew das „Krankenhaus“, zwei Räume unter Deck, vergrößert. Der Schutzraum ist hinzugekommen, der im Normalfall Frauen und Kindern vorbehalten ist. Dort versorgt das Team dann zusätzlich Verletzte und Kranke. Jeder an Bord weiß, was er zu tun hat. Geräte müssen transportiert, die anderen Flüchtlinge mit Wasser und Nahrung versorgt werden – ein großer planerischer und logistischer Aufwand.

„Das Geschäft mit der Verzweiflung brummt“

„Das Geschäft mit der Verzweiflung brummt“

„Platsch“. Ein oranges Rettungsboot klatscht auf die Wasseroberfläche. Die Rettungs-Crew steigt ein und fährt ein paar Meter aufs Meer hinaus. Dann beginnt die Simulation eines Notfalleinsatzes, die sich an realen Fällen orientiert: Eine schwangere Frau mit Bauchschmerzen muss von dem Rettungsboot an Bord der „Aquarius“ gehievt werden.

Dort stehen die Helfer bereit, tragen Helme und Rettungswesten. Wie Schatten kleben nichtmedizinische Mitarbeiter, die auf Zuruf für die Mediziner arbeiten, an den Krankenschwestern und der Ärztin. Mal müssen sie eine Wärmedecke besorgen, mal Wasser holen, mal Sauerstoff. Jeder an Bord hat einen Erste-Hilfe-Kurs absolviert und kann Menschen reanimieren.

Als nächstes muss die Crew eine Bewusstlose versorgen, dann einen Menschen mit Wasser in der Lunge, dann ein kleines, unterkühltes Kind. Defibrillatoren, Rettungsdecken und Medizinkoffer liegen an Deck. Die Crew verständigt sich per Funk. Es gelten klare Regeln und Abläufe, denn bei einer echten Rettung zählen Sekunden. „Nach sechs Minuten Herzstillstand erleidet das Gehirn Schäden“, erklärt Margherita Colarullo, die Ärztin an Bord, vor dem Einsatz.

Nach etwa zwei Stunden ist Schluss mit der Übung. Im Anschluss bespricht die Crew, wie die Simulation gelaufen ist. Die Ärztin, eine erfahrene Entwicklungshelferin und eine Kapitänin haben den Einsatz geleitet. Was muss besser werden, an welchen Abläufen muss die Crew feilen.

Aus Sicht einer Laiin wirkt die Übung so eingespielt, als würde das Team seit Jahren zusammenarbeiten. Dabei sind viele nur für einige Wochen gemeinsam an Bord. Daher müssen alle konzentriert sein und die Notfallpläne streng einhalten. Alkohol ist an Bord übrigens verboten.

Es ist unwahrscheinlich, dass die Retter in den kommenden Tagen Boote in Seenot entdecken. Der Wind bläst in Richtung libyscher Küste und die Wellen sind dort so hoch, dass eine Abfahrt der Schleuserboote kaum möglich ist. Solange patrouilliert die „Aquarius“ weiter etwa 25 Seemeilen vor der libyschen Küste. Aus Sicherheitsgründen vergrößert die Crew den Abstand nachts auf etwa 30 Seemeilen. In der Dunkelheit vermuten die NGOs Öl- oder Waffenschmuggler. Denen will man lieber nicht begegnen.

Unsere Reporterin Anna Gauto berichtet regelmäßig von ihren Erlebnissen auf der „Aquarius“. Lesen Sie hier ihre erste Geschichte „Libysche Küstenwache ruft um Hilfe“.

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12 Kommentare zu "Flüchtlingshilfe im Mittelmeer (Teil 2): Notfalltraining auf hoher See"

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  • @Herr Holger Narrog. Danke für Ihre rege Beteiligung hier. Ich will versuchen, mich Ihren Fragen und den konstruktiven Beiträgen anzunehmen. Das geht je nach Internetverbindung mal besser und mal schlechter. Vorab zu dem Schiff der "Identitären", das Sie erwähnten: Ich habe mehrmals angefragt, telefonisch wie schriftlich. Auch dort wäre ich gern mitgefahren. Leider konnten mir die Verantwortlichen das nicht ermöglichen. Ich glaube, es spielten auch technische Probleme eine Rolle.

    Beste Grüße.
    Anna Gauto
    Handelsblatt-Reporterin

  • Herr Otto Berger 19.09.2017, 18:22 Uhr

    <<Die Frage ist, ob die "Aqarius" auch dann noch als Rettungsschiff von "Schiffbrüchigen" vor der afrikanischen Küste anzutreffen ist, wenn die Geretteten in einem Hafen Nordafrikas einzuliefern sind ?>>

    Die NGO´s liefern sich sogar ein Wettrennen mit den Schiffen der verschiendenen Streitkräfte. Sind etwa die Libyer zuerst da, werden die Aufgesammelten i.d. R. nach Nordafrika gebracht, sind die NGO´s zuerst da, werden sie nach Europa gebracht. Meldungen dazu in unseren Qualitätsmedien: keine

  • Herr Holger Narrog 19.09.2017, 15:34 Uhr

    <<Interessant wäre auch ein Bericht zur Defend Europe gewesen die Europa vor den Aktivitäten dieser "Rettungsschiffe" zu schützen sucht.>>

    Die Identitäre Bewegung (fälschlicherweise in den L-Medien immer als "Reichsbürger" bezeichnet) hatten zeitweise ein eigenes Schiff in diesen Gewässern, um die NGO´s an ihrem schmutzigen Handwerk zu hindern.
    Ein gutes Beispiel für Zivilcourage, und deshalb war natürlich auch nur in den alternativen Medien darüber zu lesen.

  • Enrico Caruso19.09.2017, 18:11 Uhr
    Unfassbar, diese Leute auch noch als "Helfer" zu bezeichnen!
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    Die Frage ist, ob die "Aqarius" auch dann noch als Rettungsschiff von "Schiffbrüchigen" vor der afrikanischen Küste anzutreffen ist, wenn die Geretteten in einem Hafen Nordafrikas einzuliefern sind ?

  • Unfassbar, diese Leute auch noch als "Helfer" zu bezeichnen! Das HB wird jetzt wirklich immer mehr zu einem Ekelblatt.
    Diese NGO´s sind die Komplizen der Menschenschlepper! Es sind Kriminelle, die für ihre Taten vor ein Gericht gestellt werden müssten! Ich würde sie sogar als Helfer des IS bezeichnen, da sie deren Kämpfer nach Europa einschleusen. Der reinste Abschaum, diese "Helfer" !!!!!!!!!

  • Zuminest steigt die Anzahl der Asylbewerber im Monat August seit März wieder an.

  • Asylanträge gesamt. Erstanträge und dann die Folgeanträge!

    noch Fragen?


    2012 77.651 64.539 13.112
    2013 127.023 109.580 17.443
    2014 202.834 173.072 29.762
    2015 476.649 441.899 34.750
    2016 745.545 722.370 23.175
    Jan-Aug 2017 149.880 134.935 14.945

  • HB : "Tausende Menschen riskieren die Flucht über das Mittelmeer. Ihnen kommt vor Libyens Küste die „Aquarius“ zu Hilfe."
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    Das ist alles sehr lobenswert, was die Crew der "Aqarius" zu leisten beabsichtigt ----nur, der Zielhafen für die geretteten Migranten muss ein Hafen in Nordafrika sein, von wo aus die Geretteten in Aufnahmezentren in Nordafrika eingewiesen werden zwecks weiterer Bearbeitung ihres Asylbegehrens. Die laufende Anlieferung dieser Menschen in die Sozialsysteme der EU-Länder kann und darf nicht das Ziel sein, wenn die soziale Sicherheit in diesen Ländern erhalten bleiben soll. Da in dieser Hinsicht seit nunmehr 2 Jahren nichts "Griffiges" geschehen ist kann nur vermutet werden, dass hier ein globalistisch gesteuertes Programm unter wohlwollender Mithilfe der EU realisiert wird, dem allerdings energisch Einhalt zu gebieten ist !

  • Okay, okay. Aktuell sind nur rund 60 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht.

    In den nächsten 10 bis 20 Jahren wird sich die Zahl der Flüchlinge auf rund 200 Millionnen Menschen mehr als verdreifachen.

    Zumindest hatten wir kurzfristig eine schönhe Zuwanderung in 2015.

    Und so sah sie aus:


    Statistiken zur Einwanderung in Deutschland

    Statistisch betrachtet ist Deutschland ein Einwanderungsland. Laut Statistischem Bundesamt wanderten im Jahr 2015 ca. 1,14 Millionen mehr Menschen nach Deutschland ein als umgekehrt auswanderten. Die Zahl der Zuwanderer lag im Jahr 2015 bei rund 2,14 Millionen, darunter waren etwa 2,02 Millionen Ausländer. Das Hauptherkunftsland der Zuwanderer nach Deutschland war Syrien, gefolgt von Rumänien und Polen.

  • Herr Holger Narrog - 19.09.2017, 15:28 Uhr

    Ja, die Finanzierung wäre mal interessant.
    Eigentlich sollten die Organisatoren pro Flüchtling 500-1000 Euro hinterlegen, damit der Heimtransport von Wirtschaftsflüchtlingen nach abgelehntem Asylverfahren bezahlt ist.
    Begeht ein solcher Flüchtling Straftaten, dann ist die Kohle auch futsch.
    (es kommen doch eh nur brave und nicht Kriminelle ...)
    Ist er berechtigt hier, bekommen sie das Geld zurück.

    Diese "Schiffbrüchigen" sind in meinen Augen keine echten Schiffbrüchigen, da sie diese Situation bewusst und mit Absicht herbeiführen.

    Diese NGOs erzeugen zusammen mit unserem Sozialsytem einen unheimlichen Sog und verkaufen das dann als große Tat. Sie generieren sich ihre Arbeit so zum Teil selbst.

    Eigentlich muss die libysche Küstenwache nur in der Nähe dieser Schiffe bleiben, dann kann sie alle "Flüchtlinge" aufsammeln.

    Ich bin dafür, dass man Zentren im Ausland einrichtet und nur die hierher läßt, die wirklich einen Asylgrund haben. Asyl ist für politisch Verfolgte da und nicht für alle, die grade Lust haben zu kommen, damit es ihnen besser geht.

    Wenn man das nicht in den Griff bekommt (was man augenscheinlich nicht will), wird das Pendel irgendwann deutlich in die Gegenrichtung ausschlagen.
    Die Grünen wollen ja noch nicht mal Straftäter abschieben. Unwählbar.


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