Flüchtlingskrise: Allein in einem fremden Land

Flüchtlingskrise
Allein in einem fremden Land

Ripon ist 17. Er hat sich allein durchgekämpft über drei Kontinente. Jetzt sitzt er in einem italienischen Bergdorf. Ein Besuch bei einem Flüchtlingsjungen, dessen Weg typisch ist für viele Kinderschicksale in Europa.

Cerro al VolturnoUnruhig spielt er mit den Gummiarmbändern an seinem Handgelenk, kippelt mit dem Stuhl vor und zurück. Es fällt dem 17-Jährigen sichtlich schwer, seine Geschichte zu erzählen. Als Ripon vor mehr als eineinhalb Jahren in Bangladesch aufbrach, hatte er ein klares Ziel: Schnell Geld verdienen, sagt er. Jetzt sitzt er in einer Unterkunft für minderjährige Flüchtlinge in Cerro al Volturno, einem Bergdorf in Italien. Er bekommt dort zehn Euro Taschengeld in der Woche.

Draußen ist es nebelig. Nur ab und zu scheint die Sonne durch das graue Einerlei zwischen schneebedeckten Anhöhen. Drinnen, in dem blau gestrichenen Haus, das früher eine Pension war, ist es kalt. Die acht Jungen, die hier leben, tragen Jacken.

Sie sind zwischen 13 und 17 Jahre alt. Die meisten kommen aus Afrika. Ob Ripon hier bleiben will? Wer weiß. Für viele junge Flüchtlinge, die sich ohne Familie durchschlagen, ist Italien nur ein Sprungbrett. Nicht wenige wollen weiter nach Norden.

Vor neun Monaten kam Ripon in Italien an. Seit einer Woche lebt er in der neuen Unterkunft in der Provinz Molise. Der schmächtige Junge lacht viel, wenn er spricht. Oft sieht es aus, als versuche er Unsicherheiten zu überspielen. Beim Thema Familie verdüstert sich sein Gesicht: „Familie großes Problem.“

Vor drei Jahren sei der Vater gestorben, erzählt er in brüchigem Italienisch. Als sein älterer Bruder heiratete, sei er plötzlich Familienoberhaupt gewesen - und habe für die anderen sorgen müssen. Kontrollieren lässt sich seine Geschichte, wie bei so vielen anderen Migranten, kaum.

In Bangladesch, so berichtet Ripon, ließ sich keine gut bezahlte Arbeit finden. In Libyen will er sechs Monate gejobbt haben. Doch Kriminelle hätten ihn betrogen um seinen Lohn. Dann sei er gezwungen worden, auf ein Boot nach Italien zu steigen.

Für Ripon heißt Europa jetzt: Er soll nicht mehr arbeiten. Er wurde registriert. Er soll zur Schule gehen, Italienisch lernen. „Alle sagen, sie brauchen Geld, um es ihrer Familie zu schicken“, berichtet die Koordinatorin der Unterkunft, Antonella Di Lollo. „Sie kommen hier an und haben den Traum, in Europa reich zu werden.“

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Mit dem Schiff nach Kalabrien

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