Flüchtlingskrise
Alternative Mittelmeer

Die Balkanroute ist dicht, aus Griechenland werden Flüchtlinge in die Türkei verschifft: In der Migrationskrise rückt die Route über das Mittelmeer nach Italien wieder in den Fokus. Österreich zieht erste Konsequenzen.

RomDer Frühling hat in Italien früh Einzug gehalten – und mit lauen Winden und ruhiger See einen neuen Zustrom von Flüchtlingen ausgelöst, die die Fahrt über das Mittelmeer wagen. Die Schiffe der Küstenwache sind seit Wochen im Dauereinsatz: Jeden Tag gehen Notrufe von Migranten ein, allein seit Wochenbeginn wurden mehr als 4.000 Verzweifelte von seeuntüchtigen oder leckgeschlagenen Booten gerettet.

Seit Anfang des Jahres sind laut UN 20.000 Menschen über die zentrale Mittelmeerroute nach Italien gekommen – fast doppelt so viele wie im gleichen Zeitraum 2015. Aber ist das bereits eine direkte Folge der Schließung der Balkanroute und des EU-Türkei-Paktes?

Sicher ist: In Italien wächst die Angst vor einem neuen Ansturm aus Nordafrika über das Mittelmeer. Vor allem Hilfsorganisationen schlagen Alarm. „Die Menschen, die auf der Balkanroute blockiert werden, finden sicherlich andere Wege, um zu uns zu kommen“, prophezeit Loris de Filippi von „Ärzte ohne Grenzen“.

Auch der italienische Flüchtlingsrat ist besorgt: „Italien ist wieder der Hauptankunftsort der Flüchtlinge. Das ist der Kollateralschaden des Abkommens zwischen der EU und der Türkei“, sagte Sprecher Christopher Hein der Zeitung „La Repubblica“. „Wir wissen, dass sich mit der Schließung einer Route sicherlich eine neue öffnet.“ Und sogar EU-Ratspräsident Donald Tusk warnte: „Die Zahl der möglichen Migranten in Libyen ist alarmierend. Das heißt, dass wir vorbereitet sein und Malta und Italien Solidarität zeigen und helfen müssen.“

Jedoch sind es bislang keine Syrer oder Iraker, die den Weg über das Mittelmeer wählen, sondern – wie bereits seit vielen Jahren – fast ausschließlich Afrikaner. Laut UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR stammen die meisten aus Ländern wie Nigeria, Somalia und Mali, wo islamische Milizen die Bevölkerung terrorisieren.

Schätzungen zufolge warten in Libyen mindestens 200.000 Menschen auf den geeigneten Moment, um die Überfahrt zu wagen. Schlepper haben dort wegen fehlender staatlicher Strukturen leichtes Spiel. Im Westen des Landes, teilweise auch in Tunesien, wagen gerade in den warmen Monaten viele Menschen in schrottreifen Boote die gefährliche Reise.

Die italienischen Behörden halten sich dennoch mit Schätzungen zurück, warnen vor zu frühen Rückschlüssen aus den gestiegenen Zahlen. Auch die EU-Kommission hat mehrmals betont, die Situation genau zu verfolgen. Es gebe derzeit keine Anzeichen dafür, dass sich die Fluchtroute der Hilfesuchenden von Griechenland nach Italien verlagern könnte, sagte eine Sprecherin der Brüsseler Behörde.

Trotzdem nehmen die Sorgen in Österreich zu, dass das Nachbarland Italien die ankommenden Migranten einfach ungehindert durchwinken könnte. Wien erwartet, dass in diesem Jahr bis zu 300 000 Flüchtlinge über Italien gen Norden reisen werden – und hat damit begonnen, sich auf einen neuen Anstieg vorzubereiten: Zuletzt startete Österreich Bauarbeiten am Brenner, dem wichtigsten italienisch-österreichischen Grenzübergang. Schärfere Kontrollen und Überprüfungen sind geplant.

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