Flüchtlingskrise

Alternative Mittelmeer

Die Balkanroute ist dicht, aus Griechenland werden Flüchtlinge in die Türkei verschifft: In der Migrationskrise rückt die Route über das Mittelmeer nach Italien wieder in den Fokus. Österreich zieht erste Konsequenzen.
Mit einem Schiff der italienischen Marine „Chimera“ werden mehr als 500 Flüchtlinge über das Mittelmeer gebracht. Quelle: dpa
Migranten

Mit einem Schiff der italienischen Marine „Chimera“ werden mehr als 500 Flüchtlinge über das Mittelmeer gebracht.

(Foto: dpa)

RomDer Frühling hat in Italien früh Einzug gehalten – und mit lauen Winden und ruhiger See einen neuen Zustrom von Flüchtlingen ausgelöst, die die Fahrt über das Mittelmeer wagen. Die Schiffe der Küstenwache sind seit Wochen im Dauereinsatz: Jeden Tag gehen Notrufe von Migranten ein, allein seit Wochenbeginn wurden mehr als 4.000 Verzweifelte von seeuntüchtigen oder leckgeschlagenen Booten gerettet.

Seit Anfang des Jahres sind laut UN 20.000 Menschen über die zentrale Mittelmeerroute nach Italien gekommen – fast doppelt so viele wie im gleichen Zeitraum 2015. Aber ist das bereits eine direkte Folge der Schließung der Balkanroute und des EU-Türkei-Paktes?

Sicher ist: In Italien wächst die Angst vor einem neuen Ansturm aus Nordafrika über das Mittelmeer. Vor allem Hilfsorganisationen schlagen Alarm. „Die Menschen, die auf der Balkanroute blockiert werden, finden sicherlich andere Wege, um zu uns zu kommen“, prophezeit Loris de Filippi von „Ärzte ohne Grenzen“.

Wohin die Syrer zurückkehren
Ausschreitungen in Idomeni
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Im Flüchtlingslager in Idomeni an der mazedonischen Grenze ist es am Wochenende zu Ausschreitungen gekommen. Die Migranten weigern sich, in die offiziellen Aufnahmelager zu gehen. Sie wollen stattdessen ihre Weiterreise nach Mitteleuropa erzwingen – doch sie werden daran scheitern. Für viele von ihnen bleibt nur die Rückkehr nach Syrien. Angesichts der Spannungen in Indomeni warnt der griechische Minister für Bürgerschutz, Nikos Toskas, vor einer Radikalisierung wütender Migranten. Der Umgang der Behörden mit den Protestierenden müsse gut überlegt sein. „Was Sie heute sehen, sind die Dschihadisten von morgen“, sagte Toskas am Montag dem griechischen Nachrichtensender Skai.

Steine gegen Tränengas
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Am Sonntag hatten Migranten versucht, gewaltsam den mazedonischen Grenzzaun zu überwinden, um sich den Weg nach Mitteleuropa freizukämpfen. Sie zerstörten einen Teil des Zauns und schleuderten Steine auf die mazedonischen Sicherheitskräfte. Die mazedonische Polizei setzte massiv Tränengas, Blendgranaten und Gummigeschosse ein. Bei den Auseinandersetzungen seien mindestens 300 Migranten und 23 mazedonische Polizisten verletzt worden, teilten Behörden und humanitäre Organisationen mit.

Kein Weg nach Mitteleuropa
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In Idomeni sitzen mehr als 11.000 Menschen fest, seit die Fluchtroute über den Balkan vor wenigen Wochen abgeriegelt worden war. Seitdem fordern sie immer wieder die Öffnung der Grenze zu Mazedonien, um von dort aus weiter Richtung Deutschland und in andere europäische Länder zu kommen. Gemäß dem Abkommen werden alle Menschen, die nach dem 20. März auf illegalem Weg Griechenland erreichen, in die Türkei zurückgeschickt.

Die Ersten kehren nach Palmyra zurück
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Knapp zwei Wochen nach der Rückeroberung Palmyras aus den Händen der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) sind die ersten geflüchteten Einwohner kurzzeitig in die syrische Oasenstadt zurückgekehrt. In von der syrischen Regierung gestellten Bussen fuhren hunderte Einwohner am Samstag in die als „Perle der Wüste“ bekannte Stadt, wie Journalisten der Nachrichtenagentur AFP berichteten. Doch an eine „Perle“ erinnert in Palmyra kaum noch etwas.

Zerstörte Häuser
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Viele der Rückkehrer finden nur noch Trümmer vor. Erstmals durften hunderte Bewohner am Samstag in ihre alte Heimatstadt zurückkehren – für wenige Stunden, dann wurden sie mit von der Regierung gestellten Bussen wieder nach Homs zurückgebracht. Es sei zu gefährlich, sagte ein örtlicher Behördenvertreter der Nachrichtenagentur AFP.

Sprengsätze müssen geräumt werden
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Überall lägen Sprengsätze und Minen des IS, zudem gebe es weder Wasser noch Strom. Es werde mindestens drei Wochen dauern, bis die Menschen auch über Nacht bleiben könnten.

45 Prozent der Stadt sind zerstört
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Überwältigt vom Ausmaß der Schäden brechen einige der Rückkehrer in Tränen aus. Halb eingestürzte Wohnblocks säumen die Straßen, andere Häuser sind komplett zerstört, vor ihnen türmen sich Trümmer, kaputte Möbel und Abfall. Palmyra ist zu 45 Prozent zerstört, sagt die Provinzregierung.

Auch der italienische Flüchtlingsrat ist besorgt: „Italien ist wieder der Hauptankunftsort der Flüchtlinge. Das ist der Kollateralschaden des Abkommens zwischen der EU und der Türkei“, sagte Sprecher Christopher Hein der Zeitung „La Repubblica“. „Wir wissen, dass sich mit der Schließung einer Route sicherlich eine neue öffnet.“ Und sogar EU-Ratspräsident Donald Tusk warnte: „Die Zahl der möglichen Migranten in Libyen ist alarmierend. Das heißt, dass wir vorbereitet sein und Malta und Italien Solidarität zeigen und helfen müssen.“

Jedoch sind es bislang keine Syrer oder Iraker, die den Weg über das Mittelmeer wählen, sondern – wie bereits seit vielen Jahren – fast ausschließlich Afrikaner. Laut UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR stammen die meisten aus Ländern wie Nigeria, Somalia und Mali, wo islamische Milizen die Bevölkerung terrorisieren.

Schätzungen zufolge warten in Libyen mindestens 200.000 Menschen auf den geeigneten Moment, um die Überfahrt zu wagen. Schlepper haben dort wegen fehlender staatlicher Strukturen leichtes Spiel. Im Westen des Landes, teilweise auch in Tunesien, wagen gerade in den warmen Monaten viele Menschen in schrottreifen Boote die gefährliche Reise.

Die italienischen Behörden halten sich dennoch mit Schätzungen zurück, warnen vor zu frühen Rückschlüssen aus den gestiegenen Zahlen. Auch die EU-Kommission hat mehrmals betont, die Situation genau zu verfolgen. Es gebe derzeit keine Anzeichen dafür, dass sich die Fluchtroute der Hilfesuchenden von Griechenland nach Italien verlagern könnte, sagte eine Sprecherin der Brüsseler Behörde.

Trotzdem nehmen die Sorgen in Österreich zu, dass das Nachbarland Italien die ankommenden Migranten einfach ungehindert durchwinken könnte. Wien erwartet, dass in diesem Jahr bis zu 300 000 Flüchtlinge über Italien gen Norden reisen werden – und hat damit begonnen, sich auf einen neuen Anstieg vorzubereiten: Zuletzt startete Österreich Bauarbeiten am Brenner, dem wichtigsten italienisch-österreichischen Grenzübergang. Schärfere Kontrollen und Überprüfungen sind geplant.

53.000 Flüchtlinge sitzen in Griechenland fest
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