Flüchtlingslager bei Calais: Vergessen im Dreck – mitten in Europa

Flüchtlingslager bei Calais
Vergessen im Dreck – mitten in Europa

Wer keine Chance mehr auf den Weg ins gelobte England sieht, strandet in der Schlammwüste von Grande-Synthe. Die Flüchtlinge haben den „Dschungel“ von Calais eingetauscht gegen eine neue Wildnis. Ein Besuch in dem Lager.
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DunkerqueBis zum Knöchel, manchmal bis zur Wade reicht der Schlamm. Jeder im Flüchtlingslager von Grande-Synthe zwischen Dunkerque und Calais trägt dicke Arbeitsschuhe oder Gummistiefel. Denn seit Wochen hat der Regen den Boden zwischen den wild durcheinanderstehenden Zelten aufweichen lassen. Hierhin sind die Menschen ausgewichen, die keine Chance mehr sehen, von Calais aus durch den Kanaltunnel oder auf einem Lastwagen ins gelobte England zu kommen. Sie haben den „Dschungel“ von Calais eingetauscht gegen eine neue Wildnis, die Schlammwüste von Grande-Synthe.

Vor einem Zelt kurz hinter dem Eingang steht Mohammed Hassan. Wie die meisten hier ist er Kurde aus dem Irak. Seit drei Monaten lebt er im Lager. „Ich will weg, es gibt fast jede Nacht Schüsse, das ist eine Mafia-Hochburg.“ Er träumt von der Insel, wie alle, die sich bis zur Kanalküste durchgeschlagen haben: „In England better life“, fasst er seinen Traum in vier Worten zusammen. Einer der Punkte, von denen aus die Flüchtlinge nach England zu kommen versuchen, ist eine Tankstelle in rund 500 Meter Entfernung. Dort halten die großen Sattelzüge, die anschließend im drei Kilometer entfernten Hafen auf die Fähren rollen.

„Very hard, very hard“, Mohammed schüttelt den Kopf, als ich ihn nach den Chancen frage, aus eigener Kraft auf einen der Lkw zu kommen und sich in der Ladung zu verstecken. Die niedrigen Temperaturen machen es nicht einfacher: „Lorry very cold“. Die Fahrer und auch die Polizei versuchten, die langen Sattelschlepper abzusichern, damit kein Flüchtling aufspringen und die Plane zerschneiden kann. Mohammed hat deshalb eine andere Variante probiert: 500 Pfund habe er einem Schlepper gezahlt, damit der ihn auf einen Lkw bringe. Manche Fahrer arbeiten angeblich mit den professionellen Fluchthelfern zusammen. Mohammeds Investition war vergeblich: Das Geld ist weg, er selber aber noch immer im Lager. Woran genau es gescheitert ist, sagt er nicht. Ob es noch einen zweiten Versuch geben wird, weiß er nicht.

Seine Familie ist schon seit neun Monaten im Morast von Grande-Synthe, er ist später nachgekommen. Im Irak habe er es nicht mehr ausgehalten, weil es „täglich Explosionen“ gegeben habe. Warum will er unbedingt nach England, riskiert dafür nicht nur sein Geld, sondern auch die eigene Gesundheit und die seiner Familie? In Frankreich sei es zu schwer, Arbeit zu finden, er habe aber Angehörige, die seit acht Jahren in England lebten und denen es gut gehe. Die Zustände im Lager seien unerträglich, „die Kinder sind krank“, klagt er. Der Kurde will nicht undankbar erscheinen: Er betont, die Helfer leisteten sehr viel für die Flüchtlinge, „aber den Kindern geht es trotzdem schlecht.“

Man begegnet im Camp vielen Kindern, die einen so leeren Blick und so müden Gang haben, als wären sie alte Männer. Sie haben Spielzeug, aber das interessiert sie weniger als die Runden der Männer, die um offene Lagerfeuer sitzen und als die Verkaufsstände, an denen Tabak, Zigarettenpapier und Feuerzeuge angeboten werden. An die drängen sie sich heran.

Kommentare zu " Flüchtlingslager bei Calais: Vergessen im Dreck – mitten in Europa"

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  • hihi, dann man ran, kleine Ameise.

    Selbst die DDR-Demos damals waren von einer Gruppe initiiert, wo auch ich ausgebildet wurde. Das niedere Volk, ist dann willig auf die Sttrasse gelaufen, so wie WIR es gewollt haben.

    Nie und an keinem Ort der Welt haben die Ameisen je etwas bewirkt. Aber man läßt sie gerne im Glauben, dass sie mit-entscheiden dürfen.

  • Der hat es mit den Arabern, weil es selbst nicht,s zusammen bekommt.

  • Familie und Kinderwunsch sind eine ziemlich private Angelegenheit, schon richtig.

    Ich habe alllerdings auch einmal gelernt "alles Private ist auch politisch" mit Betonung auf "auch". Viele junge Frauen wünschen sich Kinder in einer klassischen Beziehung, sehen sich allerdings aus finanziellen und beruflichen Gründen nicht in der Lage , diesen Wunsch zu realisieren.

    In der alten DDR gab es einen sog. Hochzeitskredit für junge Paare, der bei entsprechender Kinderzahl entweder sehr langfristig oder überhaupt nicht zurückzuzahlen war.

    Ich bin nicht in der DDR sozialisiert sondern "gelernter bundesrepublikanischer Westdeutscher". Diesen Kredit hielte ich allerdings auch heute für ein sinnvolles Instrument zur Familiengründung mit Kindern.

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