Flüchtlingspolitik
Terrorserie in Paris alarmiert Athen

An einem Anschlagsort in Paris haben Ermittler einen syrischen Pass sichergestellt. In Athen ist der Name auf dem Dokument bekannt. Ist einer der Attentäter als „Flüchtling“ von der Türkei nach Griechenland gekommen?

AthenDie Terroranschläge in der französischen Hauptstadt lassen auch in Athen alle Alarmglocken schrillen: Ein syrischer Pass, der bei der Leiche eines der Selbstmordattentäter von Paris gefunden wurde, war am 3. Oktober auf der ostägäischen Insel Leros von den Behörden registriert worden, bestätigte das griechische Ministerium für Bürgerschutz am Samstag. Der Pass sei von einer Person vorgelegt worden, die mit einem Boot aus der Türkei über die Ägäis gekommen war und sich als Flüchtling ausgab. „Die Registrierung erfolgt nach den Regeln der EU“, sagte der für die Polizei zuständige Vizeminister Nikos Toskas. „Wir wissen aber bisher nicht, welchen Weg diese Person genommen hat und in welchen anderen Ländern dieser Pass vorgelegt wurde.“

Die griechischen Sicherheitsbehörden übermittelten am Samstag der französischen Polizei die elektronischen Daten der Fingerabdrücke, die der Person Anfang Oktober in Leros abgenommen wurden. So soll geklärt werden, ob es sich um den rechtmäßigen Inhaber des Passes handelte – oder ob möglicherweise eine andere Person das Reisedokument vorgelegt hat.

Immerhin scheinen die griechischen Behörden in diesem Fall ihre Arbeit sauber gemacht und den Ankömmling registriert zu gaben – im Gegensatz zu vielen Zehntausenden, die in den vergangenen Wochen ohne Registrierung über Griechenland in die anderen EU-Staaten weiterreisen konnten.

Der Fall wirft aber viele Fragen auf. Die brisanteste wurde schon in den vergangenen Monaten immer wieder gestellt: Wie viele Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) nutzen die Flüchtlingswelle, um unerkannt nach Europa zu gelangen? Auf diese Frage gibt es auch jetzt keine Antwort, aber Sicherheitsexperten halten es für sehr unwahrscheinlich, dass es sich bei dem jetzt verifizierten Vorgang um einen Einzelfall handelt.

Der politische Druck, syrische Flüchtlinge nicht mehr einreisen zu lassen, dürfte damit in den EU-Staaten wachsen, zumal Frankreich bereits seine Grenzen dichtmachte. Griechenlands Premierminister Alexis Tsipras forderte, es dürfe den Terroristen nicht gelingen, Europa zu einer Festung zu machen, in deren Mauern verängstigte Völker leben.

Der Appell ist verständlich, denn für Griechenland bedeuten Grenzschließungen potenziell eine chaotische Entwicklung. Der Strom der Ankömmlinge aus der Türkei ist ungebrochen. Die Außengrenze in der Ägäis kann man praktisch nicht schließen. Griechenlands Küstenwache kann die Flüchtlingsboote nicht zurückschicken oder gar versenken. Das widerspräche dem Völkerrecht.

Jeden Tag kommen Tausende Menschen in Booten von der türkischen Küste zu den griechischen Inseln. Allein auf Lesbos warteten am Wochenende über 16.000 Schutzsuchende auf die Weiterreise. Am Samstag trafen an Bord von drei Fährschiffen gut 5.600 Migranten in Piräus ein. Sie wollen nach West- und Nordeuropa.

Die Sorge unter Flüchtlingen ist groß, dass die Anschläge einen Wechsel in der Flüchtlingspolitik zur Folge haben. So könnte es vielleicht schwieriger werden, in Westeuropa ein neues Leben zu beginnen, war unter Asylsuchenden auf ihrer Route über Slowenien und Österreich nach Deutschland oder andere EU-Länder am Samstag zu hören. Der 31-jährige Syrer Abdul Selam meinte, er befürchte, dass Flüchtlinge jetzt als „potenzielle Angreifer“ angesehen werden. Die Attacken in Paris glichen genau dem, wovor sie geflohen seien, sagte ein Flüchtling aus dem Irak. „Dies ist genau dieselbe Art von Terrorismus, wie sie in Syrien und dem Irak herrscht“, meinte Sebar Akram.

Wenn die Balkanstaaten tatsächlich ihre Grenzen schließen, wäre Griechenland nicht mehr Durchgangsland sondern Endstation für die Flüchtlinge. Fachleute warnen, dass dann binnen weniger Wochen Hunderttausende Menschen auf den griechischen Inseln und auf dem Festland eintreffen würden – ohne dass es Möglichkeiten gibt, ihnen ein Obdach oder auch nur eine Waschgelegenheit oder Essen zu geben.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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