Flüchtlingsstrom nach Deutschland

Der große Traum von „Gjermani“

Im Kosovo gilt Deutschland als Traumziel. Ob legal oder illegal – viele suchen ihren Weg in eine vermeintlich bessere Zukunft. Schuld daran sind auch RTL II und „Die Geissens“ – wie ein Besuch in Pristina zeigt.
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Für Menschen vom Balkan ist Deutschland das Traumziel – sie versuchen die Flucht auf allen möglichen Wegen. Und landen erst einmal in Unterkünften wie diesen. Quelle: dpa
Flüchtlinge

Für Menschen vom Balkan ist Deutschland das Traumziel – sie versuchen die Flucht auf allen möglichen Wegen. Und landen erst einmal in Unterkünften wie diesen.

(Foto: dpa)

PristinaDie „Schatzi“-Zeit im Kosovo, dem jüngsten Staat Europa, geht allmählich zu Ende. „Schatzi“ nennen die Kosovaren ihre ausgewanderten Landsleute in einer Mischung aus Neid und Verehrung. Im Sommer kehren viele Migranten in die Heimat zurück – meist in Autos der Mittel- oder Oberklasse deutscher Herkunft. Mercedes, Audi, BMW sind die Statussymbole der offenbar erfolgreiche Migranten. In der „Schatzi“-Zeit werden die Legenden vom fernen paradiesischen Deutschland gestrickt.

„Gjermani“ ist in den Köpfen der ehemaligen Flüchtlinge und der potenziellen Flüchtlinge allgegenwärtig. Das Bild der Migranten ist nicht nur durch die oft märchenhaften Erzählungen der bereits Geflohenen bestimmt, sondern vor allem durch das deutsche Fernsehen. RTL, Sat 1, RTL II, ARD und ZDF sind nicht nur in der Hauptstadt Pristina, sondern auch auf dem Land zu empfangen. Die Vorabendserien und Spielfilme von schönen, reichen Menschen in opulenten Häusern und Reisen zu den schönsten Orten der Welt prägen das Image. Die Geissens, deren Millionärs-Doku RTL II ausstrahlt, kennen hier fast alle. Traumschiff Deutschland.

Die deutschen Serien und Heile-Welt-Filme werden nicht synchronisiert. So ist es kein Wunder, dass viele Kosovaren über ihren Medienkonsum durchaus Deutsch verstehen und auch ein wenig sprechen. Das ist ein großer Vorteil, wenn es illegal nach Westen geht.

Im Kosovo sind es längst nicht mehr die Armen der Armen, die sich auf der illegalen Route über Serbien, Ungarn nach Deutschland und Österreich auf den Weg machen. Es ist die Mittelschicht, die auf gepackten Koffern mit all ihren Illusionen sitzt. Die Diaspora in Deutschland ist groß und sie hilft bei dem Weg über das Nachbarland Serbien in Richtung Westen.

„Gefühlt hat man den Eindruck, dass jede Familie ein Mitglied in Deutschland, Österreich und in der Schweiz hat“, sagt eine Diplomatin, die seit Jahren in Pristina arbeitet. Gut eine viertel Million Kosovaren leben nach Schätzungen bereits in Deutschland.

Den Traum von „Gjermani“ prägen auch jene Kosovaren, die von Deutschland aus als erfolgreiche Unternehmer zurückgekehrt sind. Der Software-Entwickler Mentor Sahiti ist einer dieser Rückkehrer mit kreativem Geist, die das Armenhaus Europas so dringend braucht. Von seinem Büro in einem modernen Gebäude mit anthrazitfarbenen Fenstern in einer besseren Gegend von Pristina am Berghang, nur 15 Gehminuten vom Parlament, hat der 39-Jährige einen schönen Blick über die Hauptstadt.

„Ich bin hier aufgewachsen. Ich kenne jede Ecke der Stadt. Und ich weiß, dass sie auch hässlich ist, die Straßen nicht den europäischen Standards entsprechen“, bekennt der Chef der IT-Firma Adaptivit. Und trotzdem war es für ihn nach seinem Informatik-Studium in Bonn und nach ersten Berufserfahrungen bei der Internetfirma Allesklar.com klar, dass er im Frühjahr 2008 kurz nach der Gründung des Kosovo-Staates in seine Heimat zurückkehrte.

Die IT-Branche als Hoffnungsträger
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  • Caritas, Diakonie & Co. haben daraus ein lukratives Geschäftsmodell entwickelt. Alles natürlich eingetragene Vereine (e. V.), die der Gemeinnützigkeit unterliegen. Sie erfinden sich selbst immer neue Aufgaben, der Staat gibt das Geld. Caritas & Co. unterhalten übrigens auch die Tafelläden und Sozialkaufhäuser, die die Armuts- und Bedürftigkeitsabhängigkeit der Betroffenen weiter manifestiert (getarnt als Tat der christlichen Nächstenliebe und „nobler“ Privatspender!). Mehr als eine halbe Million Mitarbeiter hat die Caritas in Deutschland, beim evangelischen Pendant, der Diakonie, sind es etwas weniger. Die beiden Sozialkonzerne sind die größten privaten Arbeitgeber in Deutschland, wer vom Sozialstaat spricht, der meint eigentlich die Wohlfahrtsorganisationen. Finanziert wird das ganze hauptsächlich aus öffentlichen Mitteln (Sozialkassen u. versicherungsträger, Spenden, Zinserträge aus Eigenmitteln).

    Mehr dazu hier: http://www.wiwo.de/politik/deutschland/wohlfahrtsverbaende-caritas-und-diakonie-bedienen-sich-beim-staat/7397380.html

  • mio27 Wir werden da auf taube Ohren stoßen, da ist was Größeres im Gange! fb sperrt auf Geheiß der Regierung unliebsame Nutzer aus, die MSM sperren ihre Kommentatoren aus, login wird erschwert... Hooton läßt grüßen!

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. 

  • Der Investor ist genau da, wo eine kaufkräftige Bevölkerung ist . Anschwellende Bevölkerungszahlen mit einem sich ausweitenden Prekariat, wie es die Armutseinwanderung produziert, ist für Investoren kontraproduktiv.

    Soweit zu denken, sollten auch Sie inder Lage sein, Herr Albers.

  • Wann schreiben Sie endlich, dass viele gut ausgebildete Deutsche die andere Richtung gehen?
    Beispiel: ein guter Freund von mir, Rumäniendeutscher, und wie viele ehemalige Angehörige deutscher Minderheiten im Ausland mit großem Stolz für seine Volkszugehörigkeit. Seit 1990 hier in Deutschland fleißig gearbeitet und dem Staat regelmäßig Steuern bezahlt. Vor kurzem nun zurückgekehrt in das Land, das ihn einst wegen seiner deutschen Volkszugehörigkeit diskriminiert hatte(!!), weil er es nicht mehr ertragen konnte, wie sich sein Volk mit integrationsunfähigen Zuwanderern selbst abschafft.
    Im total korrupten Rumänien lebt er von seinen Ersparnissen (der deutsche Staat wird nie mehr Steuern von ihm bekommen), aber die Lebensqualität ist für ihn dort trotzdem wesentlich höher wegen der weitgehend homogenen Bevölkerung. Ach ja, die besonders kriminellen Minderheiten dort haben sich zum Teil ebenfalls bereits ins "Gelobte Land" aufgemacht - ein weiterer Vorteil für ihn...

  • Ist doch schön, dass die kosovarische IT- Industrie mit Billigangeboten den teuren Deutschen Firmen Konkurrenz macht.

  • "Selbstverständlich wollen die Gutmenschen das nicht SELBST leisten. Sie wollen, dass es ANDERE leisten. Die Gutmenschen sind nämlich häufig Teil der Sozialindustrie (Kirchenleute, Sozialarbeiter, Psychologen etc.) und diese Industrie braucht nun mal laufend neue Rohstoffe."

    sehr gut formuliert!

  • Frau Buschmann, es ist nicht NUR diese Werbung, aber alles zusammen, was als "typisch Deutsch" weltweit in den Medien verbreitet wird. Natürlich auch ein Werbefilm der Bundesregierung, in dem der Weg hierher als "Katzensprung" ohne irgendwelche Probleme beschrieben wird, um in das Schlaraffenland zu kommen, in dem man alles kostenlos bekommt!

  • Sie setzte viel zu sehr auf die menschliche Arbeitskraft und vernachlässigen vollständig die Entwicklung der Automatisierungstechnik. Diese zu unterschätzen ist geradezu sträflich.

    Die Deutsche Industrie ist hier z.B. China um Längen voraus (http://www.presseportal.de/pm/112748/2897308), was ein – wenn auch nicht der einzige - Grund für unseren Exporterfolg ist.

    Eine stetig wachsender Automatisierungsgrad kompensiert zu einem erheblichen Teil die Notwendigkeit nach weiteren Arbeitskräften Ausschau zu halten, bzw. hat sogar das Potenzial dieses ins Gegenteil umzukehren. Wer also die Keule der angeblich zu wenigen Arbeitsplätze ins Feld führt, unterstelle ich Kurzsichtigkeit.

  • Es wird genau das gemacht, was auch tatsächlich passiert, nämlich dass in Automatisierung investiert wird.
    Es gibt noch zahlreiche weitere Faktoren als die Lohnstückkosten, die die Attraktivität von Standorten ausmachen.

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