Flüchtlingswelle
Schweden am Limit

Schweden hat „die Grenze des Machbaren erreicht“: Das Land appelliert an Flüchtlinge, nicht einzureisen. Schwedens Finanzministerin erklärt den Ernst der Lage – niemandem könne ein Dach über dem Kopf versprochen werden.

StockholmEs sind seltene Töne, die derzeit aus Schweden zu hören sind: „Hat man in Deutschland ein Dach über dem Kopf, ist es wahrscheinlich besser, dort zu bleiben, anstatt nach Schweden zu kommen, wo wir kein Dach über dem Kopf mehr garantieren können“, erklärte am Wochenende Schwedens Finanzministerin, die Sozialdemokratin Magdalena Andersson. Sie stellte sich damit hinter ihren Parteikollegen, Justiz- und Integrationsminister Morgan Johansson, der sich Ende vergangener Woche in einem eindringlichen Appell an Flüchtlinge gewandt hatte, die sich auf dem Weg nach Schweden befinden.

„Wir können Euch keine Unterkunft mehr garantieren“, sagte er und riet ihnen, nach Deutschland oder Dänemark zurückzukehren oder sich selbst um eine Unterkunft zu bemühen. „Wir haben die Grenze des Machbaren erreicht“, erklärte er. Wegen dieser Ausnahmesituation hat Schweden als drittes EU-Land nach Italien und Griechenland bei der EU einen Antrag auf finanzielle Unterstützung und Umverteilung von Flüchtlingen in andere EU-Staaten gestellt.

Schweden nimmt gemessen an seiner Einwohnerzahl von 9,6 Millionen mit Abstand die meisten Flüchtlinge in der EU auf. In diesem Jahr rechnet die Einwanderungsbehörde mit bis zu 190.000 Flüchtlingen, täglich kommen derzeit bis zu 2000 Menschen über Deutschland und Dänemark nach Südschweden. Die meisten von ihnen stammen aus Syrien und Afghanistan. Die Aufnahmekapazitäten sind seit Längerem erschöpft, viele Gemeinden wissen nicht mehr, wo sie die Flüchtlinge unterbringen sollen.

Selbst Zeltlager werden trotz des bevorstehenden Winters derzeit in vielen Orten errichtet. Ende vergangener mussten 50 Flüchtlinge in den Korridoren der Einwanderungsbehörde in Norrköping übernachten. Und selbst, wenn es Unterkünfte gibt, ist nicht sicher, dass die Flüchtlinge in diese einziehen wollen. Am Sonntag weigerten sich 24 Flüchtlinge, in ein Wohnheim nahe der nordschwedischen Stadt Sundsvall zu ziehen. Nach Angaben eines Behördensprechers wollen viele Flüchtlinge nahe einer Großstadt untergebracht und nicht in die dünnbesiedelten Gebiete im Norden des Landes geschickt werden.

Dass Schweden jetzt von seiner liberalen Asylpolitik abrückt und Flüchtlinge direkt auffordert, nicht in das Land zu kommen, hat auch mit der veränderten Stimmungslage im Land zu tun. Die rechtspopulistischen Schwedendemokraten kommen nach jüngsten Umfragen auf 20 Prozent der Wählerstimmen und sind damit drittgrößte politische Kraft im Land.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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