Flugzeugunglück setzt Lula unter Druck
Brasiliens Hölle liegt in der Luft

Kritiker hatten es schon kommen sehen. Das Flugzeugunglück in Brasilien mit vermutlich über 200 Toten ist der vorläufige Höhepunkt einer schweren Krise. Fliegen hat sich in dem größten Land Südamerikas zum nervenaufreibenden Abenteuer entwickelt. Doch für das Chaos im Luftverkehr interessierte sich die Regierung bislang kaum. Das setzt Präsident Lula nun gehörig unter Druck.

co/HB SAO PAULO. Fluglostenstreik, Kollision über dem Amazonas, Varig-Pleite, gefährliche Flughäfen: Der Luftverkehr in Brasilien hat in den vergangenen Monaten regelmäßig für negative Schlagzeilen gesorgt. Dabei verwiesen vor nicht allzulanger Zeit die Menschen in dem Schwellenland noch stolz auf die modernen Flugzeugflotten ihrer Airlines und das dicht geknüpfte Streckennetz.

Denn wer von Sao Paulo ins rund 400 Kilometer entfernte Rio de Janeiro will, fährt wegen der schlechten Infrastruktur weder Bahn noch Auto. Das Flugzeug bleibt für brasilianische Geschäftsleute und all jene, die es sich leisten können, das Verkehrsmittel Nummer Eins.

Doch im vergangenen Jahr im September begann das Chaos. Eine Maschine der Airline Gol stieß über dem Amazonas-Urwald mit einer kleineren Privatmaschine zusammen. Alle 155 Insassen des Gol-Flugzeugs starben, die Privatmaschine konnte notlanden.

Dann streikten die Fluglosten. Wochenlang kam es zu Verspätungen und Flugausfällen. Die Lotsen forderten bessere Arbeitsbedingungen – und erzählten haarsträubende Geschichten.

So versicherte Carlos Trifilio, Präsident der Fluglotsen-Gewerkschaft, es gebe unter den Kontrolleuren des Luftraums „Stotterer und Schwerhörige“. Über dem Amazonas-Regenwald solle es außerdem ein riesiges „blindes Gebiet“ geben, in dem Flugzeuge vom Boden aus überhaupt nicht kontrolliert werden könnten.

Die Fluglotsen beklagen Überforderung. „Sie brechen oft inmitten der Arbeit in Tränen aus“, erzählte ein Luftwaffenangehöriger. Viele fordern eine Loslösung von der Kontrolle durch das Militär, wie das in den meisten Ländern der Fall ist. Die Unzufriedenheit der Lotsen wurde bislang in den Kasernen unterdrückt, heißt es. Radargeräte und Radiotürme seien veraltet, lautet eine weitere Kritik. Es werde in die Schönheit der Flughäfen investiert, aber Lande- und Startbahnen würden vernachlässigt.

Berichtet wurde auch von illegalen Radiosendern, die immer wieder den Funkverkehr am Flughafen Congonhas in Sao Paulo stören. Im April wäre es dadurch fast zu einem Zusammenstoss zweier Linienmaschinen gekommen.

Die einflussreiche Journalistin ElianeCantanhede kommentierte, mit dem neuen Unglück in der Nacht zu Mittwoch sei auch das letzte Stück Glaubwürdigkeit des brasilianischen Luftverkehrs explodiert. Bei diesem schwersten Flugzeugunglück in Brasilien kamen vermutlich 200 Menschen ums Leben. Bei der Landung auf dem Congonhas-Flughafen von Sao Paulo rutschte der Airbus A320 der brasilianischen Fluggesellschaft Tam über die regennasse Rollbahn hinaus, über eine viel befahrene Straße und krachte in eine Tankstelle und eine Fracht-Abfertigungshalle. Die Maschine und das Gebäude gingen sofort in Flammen auf.

Die brasilianische Airline Tam zählt zu den führenden Fluggesellschaften Südamerikas. In ihrem Heimatland ist sie mit einem Marktanteil von 50,7 Prozent die größte. Im Jahr 2004 gab es 13 Millionen Passagiere. Mit der Lufthansa ist eine Zusammenarbeit fest verabredet.

Congonhas ist der am meisten überlastete Flughafen Brasiliens und seit Jahrzehnten nicht wirklich betriebsfähig. Erst am Montag war eine andere Maschine bei der Landung in Congonhas von der Landbahn abgekommen. Das Flugzeug kam auf einer Rasenfläche unweit des Absperrzauns um den Flughafen zum Stehen.

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