Folgen der Finanzkrise
Die Rückkehr des Gordon Brown

Er galt als gescheiterter Premier, der nur noch auf seine Abwahl wartete. Nun ist Gordon Brown wieder da. In der Finanzkrise kehrt der selbst erklärte Begründer des britischen Wirtschaftsbooms als zentrale Figur zurück. Sogar Wahlchancen rechnet er sich wieder aus.

LONDON. Vor wenigen Wochen war Gordon Brown noch ein Getriebener. Katastrophale Umfragewerte, schlechte Presse. Der fast allmächtige Schatzkanzler Tony Blairs war zu einem unglücklichen Premier geworden. Und nun das: "Gordons Triumph", schrieb der "Guardian", die "Times" gab zu Protokoll: "Zum ersten Mal seit dem Sommer 2007 sieht es so aus, als ob Brown seinen Job tatsächlich gerne macht." Der frisch gekürte Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman hatte Brown gerade noch am Sonntag gelobt: "Brown hat den Charakter des weltweiten Rettungsplans definiert, während die anderen Nationen versuchen, aufzuholen."

Was war passiert? Die britische Strategie zur Lösung der Finanzkrise wurde in den vergangenen Tagen zur Blaupause für alle anderen europäischen Länder. Brown bewies bei der Durchsetzung im eigenen Land und beim Werben unter den europäischen Kollegen Tatkraft und Führungsstärke, als es darauf ankam.

Dass sich Brown an die Spitze der Rettungsbewegung setzen konnte, zeigt auch, wie nötig die europäischen Kollegen ein funktionierendes Vorbild nötig hatten. Umso bemerkenswerter, weil London sonst in der so wichtigen wie informellen Euro-Gruppe nicht mal am Katzentisch sitzen darf.

Gordon Brown zeigt derzeit Führungsqualitäten, die viele Beobachter schon als verloren ansahen. Noch vor wenigen Monaten kippte er einen in Aussicht gestellten Wahltermin, weil seine Umfragewerte sanken. Eigentlich hatte Brown sich nach der Machtübernahme von Tony Blair eine zügige Legitimation der Wähler abholen wollen. Als der juvenile Konkurrent David Cameron aber immer beliebter wurde, zog Brown es vor, erstmal mit dem Ausrufen der Wahl zu warten. Ein Zeichen der Schwäche.

Und vor wenigen Tagen galt auch die Rückholaktion des britischen EU-Kommissars und Intimfeind Browns, Peter Mandelson, ins britische Kabinett als politisches Harakiri. Monatelang hatte sich Brown zuvor mit Rücktrittsforderungen und Putschgerüchten auseinandersetzen müssen.

Die Kursgewinne seit gestern werden Brown nun Recht geben. Und die Briten registrieren aufmerksam, wie ihr Premier volles Engagement zeigt: in der Frage der Spareinlagen der Icesave-Bank in Island setzte Brown die traditionell verbundenen Insulaner verbal kräftig unter Druck: "Vollkommen unakzeptabel und illegal", sei es, wenn Island die britischen Ersparnisse nicht garantieren wolle. Denn Attacken folgten Verhandlungen, später dann Sicherheiten für die britischen Sparer, die ihr Geld bei den verstaatlichten isländischen Banken untergebracht hatten.

So etwas kommt an in einem Land, dass mit einem platzenden Immobilienboom und strauchelnden Großbanken besonders heftig unter den akuten Ausschlägen der Finanzkrise zu leiden hat. Vor allem der sonst so selbstbewusste Finanzplatz London leidet unter dem Aderlass der Banken. Die Kreditkrise koste alleine die Londoner City nach bis Ende nächsten Jahres 62 000 Jobs, schrieb das Centre for Economics and Business Research. Dadurch würde die Zahl der Beschäftigten in der Finanzindustrie der britischen Hauptstadt auf rund 290 000 sinken - der niedrigste Stand seit zehn Jahren.

Umso größer wird die Sehnsucht nach einem Regierungschef, der sich mit der Wirtschaft auskennt. Brown gelingt es derzeit, an seinem einst legendären Ruf als Schatzkanzler anzuknüpfen: mehr als sechzig Quartale ununterbrochenes Wachstum schrieb sich Brown stets gerne auf die eigenen Fahnen.

Nun bestehen wieder Chancen, in den Umfragen zu seinem Tory-Konkurrenten Cameron aufzuschließen. Erste Medien spekulieren bereits auf "Falkland-Wahlen" - in Anspielung auf Margaret Thatchers erfolgreiche Wahl kurz nach Beendigung des Krieges um die Atlantik-Inseln, als ihr ein gewaltiger Popularitätsschub zuteil wurde. Die Finanzkrise könnte nun Browns Falkland werden.

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