Folgen der Finanzkrise
Washington kämpft gegen Flächenbrand an

Unter dem Eindruck dramatisch steigender Arbeitslosenzahlen und anhaltender Turbulenzen im Finanzsektor müht sich die Regierung der Vereinigten Staaten um die rasche Verabschiedung weiterer Rettungspakete.

NEW YORK. Zwar ist das Tauziehen zwischen Demokraten und Republikanern um die größte Konjunkturspritze der US-Geschichte noch nicht beendet. Dennoch wird in Washington erwartet, dass Präsident Barack Obama in den nächsten Tagen ein Konjunkturprogramm im Volumen von rund 800 Mrd. Dollar durch Senat und Repräsentantenhaus bringen kann. "Wenn wir den Plan nicht rasch umsetzen, droht die wirtschaftliche Krise in eine nationale Katastrophe zu münden", warnte Obama.

Timothy Geithner sendete ähnliche Alarmsignale. Der neue Finanzminister hat vor Demokraten des Repräsentantenhauses am Wochenende durchblicken lassen, dass das Finanzsystem der USA schwer angeschlagen sei. Eine große Anzahl systemkritischer Banken könne man für insolvent erklären, wenn deren Bücher von Behörden geprüft würden, sagte Brad Miller, Mitglied des Finanzausschusses, dem "Wall Street Journal". Der Demokrat verwies dabei auf die Unterredung mit Geithner. Entsprechende Befürchtungen lassen sich auch an der Börse ablesen. Aktien des führenden US-Kreditinstituts Bank of America, das vor Wochen noch als Fels in der Brandung galt, waren in der Vorwoche zeitweise unter die Marke von vier Dollar abgestürzt. Erst am Ende der Handelswoche erholten sie sich, weil Investoren nun auf eine Rettungsaktion der US-Regierung spekulieren.

Geithner will die Details des Regierungsplans für den Bankensektor in Kürze vorstellen. Im Kern geht es um eine stärkere Absicherung der Banken gegen Verluste, um das Eindämmen von Zwangsvollstreckungen im Immobiliensektor sowie um die Bereitstellung zusätzlicher Milliarden für Kredite und Investitionen. Eine staatliche "Bad Bank", die den Instituten faule Wertpapiere abkauft, gilt inzwischen nicht mehr als des Rätsels Lösung: Stattdessen sollen private Investoren gefunden werden, die Banken mit Hilfe der US-Notenbank von den "Gift-Papieren" befreien.

Ökonomen drängen Washington rasch zu handeln, weil sich die Hoffnungen auf eine baldige Erholung der US-Wirtschaft weiter eingetrübt haben. Insbesondere vom Jobmarkt kommen verheerende Signale: Im Januar 2009 schnellte die Arbeitslosigkeit in der größten Volkswirtschaft der Welt erneut rasant um vier Prozentpunkte auf 7,6 Prozent nach oben. Per saldo gingen im ersten Monat dieses Jahres fast 600.000 Stellen verloren. Derart hohe Einbußen gab es seit 35 Jahren nicht mehr. "Corporate America" hat seit Beginn der Rezession damit 3,6 Mio. Jobs abgebaut, etwa die Hälfte davon allein in den vergangenen drei Monaten.

Große Unternehmen aus verschiedensten Branchen - vom Aluminiumkonzern Alcoa über Boeing und Caterpillar bis zum Software-Giganten Microsoft - hatten in den vergangenen Wochen Massenentlassungen bekannt gegeben. "Der Arbeitsmarkt ist im freien Fall", kommentierte Nigel Gault vom Prognoseinstitut Global Insight. Wegen der Schärfe des Abschwungs sei es unwahrscheinlich, dass neue Konjunkturprogramme das Blatt noch im laufenden Jahr wenden könnten.

Der Arbeitsmarkt gilt unter Volkswirten als nachlaufender Konjunkturindikator, weil Unternehmen ihr Personal in der Regel erst entlassen, wenn sie keine rasche Entspannung mehr erwarten. Fachleute prophezeien deshalb, dass sich die Lage am Arbeitsmarkt noch zuspitzen wird. So stehen etwa im personalintensiven Handel oder in der Autoindustrie mit ihrer kranken Troika General Motors, Ford und Chrysler sowie Tausenden von Zulieferfirmen weitere Massenentlassungen bevor. "Wir steuern auf Jobverluste in der Spanne zwischen sechs und sieben Millionen zu sowie auf eine Arbeitslosenrate von deutlich über neun Prozent", warnt Global-Insight-Analyst Gault.

Nur einige Experten hoffen noch auf ein Ende der Rezession im zweiten Halbjahr 2009. Hilfe für die Gesamtwirtschaft kommt nach ihrer Ansicht ausgerechnet vom Häusermarkt, einem der Auslöser der Krise. "Im vierten Quartal dürfte der Verfall der Preise für Wohnimmobilien enden", sagte Marc Zandi, Chefvolkswirt von Moodys.com bei der Vorstellung einer Studie zum Wohnungsmarkt. Der Preis privater Immobilien spielt für die Konjunktur deshalb eine so wichtige Rolle, weil viele US-Bürger ihre Häuser in Boomzeiten zu 100 Prozent finanziert haben. Zandi setzt darauf, dass der Teufelskreis aus fallenden Hauspreisen und steigenden Kreditausfällen bald gestoppt wird. So sei die Zahl der zum Verkauf stehenden Häuser zuletzt nicht weiter gestiegen, gleichzeitig sei bei sinkenden Hypothekenzinsen mit einer steigenden Nachfrage zu rechnen. Wie andere Experten warnte Zandi allerdings davor, das kleine Licht am Ende des Tunnels überzubewerten. "Die Häuserpreise werden sich erst 2011 wirklich erholen und frühestens 2020 wieder die Rekordstände von 2006 erreichen."

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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