_

Folgen der Waldbrände: Russisches Inferno lähmt Unternehmen

Die beispiellose Hitzewelle und die dadurch ausgelösten Waldbrände entwickeln sich zu einer ernsten Belastung für Russlands Wirtschaft. Die Regierung ruft den Notstand aus und die Unternehmen des Landes leiden. Volkswirtschaftlich schlagen vor allem die befürchteten Ernteausfälle zu Buche.

Quelle: dpa
Quelle: dpa

MOSKAU. So fürchtet der drittgrößte Weizenexporteur der Welt massive Ernteausfälle. Auch die Industrie ist betroffen. Erste Fabriken mussten ihre Produktion einstellen oder Mitarbeiter zur Feuerbekämpfung freistellen. Und allein die Kosten für die Unterstützung der Opfer der Brandkatastrophe veranschlagt die Regierung bisher auf 200 Mio. Euro.

Anzeige

Am Montag zog Russlands Feuerwehr eine Zwischenbilanz: Seit Ausbruch der Dauerhitze Mitte Juni mit Rekordtemperaturen von zum Teil über 40 Grad entstanden landesweit knapp 23 000 Waldbrände. "Aktuell zählen wir mehr als 7000 Brandherde unterschiedlicher Größe", sagte Wladimir Stepanow, der den Nationalen Krisenstab leitet. Am Wochenende waren allein in der zentralrussischen Region Nischny Nowgorod 759 Häuser abgebrannt. Landesweit forderte die Feuersbrunst bislang 34 Todesopfer, Tausende Menschen wurden obdachlos.

Am Montag verhängte Präsident Dmitrij Medwedjew den Notstand über die sieben am stärksten von den Bränden in Mitleidenschaft gezogenen Regionen. Premier Wladimir Putin sagte schnelle und unbürokratische Unterstützung zu: Jedes Opfer soll eine Soforthilfe von 5 000 Euro erhalten. Bis zum Herbst sollen alle abgebrannten Häuser wieder aufgebaut werden, versprach Putin. Nach Kritik am Krisenmanagement der Regierung ging Premier Putin die Gouverneure der Katastrophenregionen am Montag hart an: "Ich will noch heute erfahren, wie der Wiederaufbau organisiert wird. Ich will Pläne für jede Region, jeden Ort, jedes Haus."

Volkswirtschaftlich schlagen vor allem die befürchteten Ernteausfälle zu Buche: "Das Erntejahr ist für die Agrarbranche eine absolute Katastrophe", sagt Stefan Dürr. Der Agronom aus dem Odenwald, dessen Firma Ekoniva in Russland mehr als 100 000 Hektar Land bestellt, muss einen Teil seiner Ernte abschreiben. "Auf Feldern in Zentralrussland hat die Hitze zwei Drittel der Getreideernte vernichtet", erzählt Dürr. "Zum Glück haben wir in Sibirien große Betriebe, die die Verluste teilweise ausgleichen können." Nach Schätzungen wird Russlands Weizenernte von 97 Mio. Tonnen im Vorjahr auf 72 Mio. Tonnen sinken.

Insgesamt hat die Hitze in Russland bislang 558 000 Hektar verkohlt - eine Fläche so groß wie die Pfalz. Nicht nur Felder, Wälder und Dörfer sind betroffen, sondern auch Großstädte: Am Samstag erreichte das Feuer Vororte der 700 000 Einwohner zählenden Stadt Togliatti am Unterlauf der Wolga, wo der Lada-Hersteller Awtowas seinen Sitz hat. Russlands größter Autokonzern stoppte am Montag die Bänder und schickte einen Großteil der 100 000 Mitarbeiter in außerplanmäßige Sommerferien. Auch der Lkw-Produzent Kamaz und weitere Großkonzerne gaben ihren Mitarbeitern Hitzefrei - nicht zuletzt, damit sie beim Löschen der Feuer mit anpacken können.

Derzeit kämpfen in ganz Russland knapp 200 000 Menschen gegen die Flammen, darunter neben Berufs- und Betriebsfeuerwehren auch Soldaten und zunehmend Privatleute. Täglich entstehen neue Risikoherde. Im Gebiet Nischny Nowgorod drohen Waldbrände auf die Stadt Sarow überzugreifen, wo ein Atomforschungszentrum angesiedelt ist. Selbst die Hauptstadt Moskau bleibt nicht verschont: Seit rund um die Metropole mit ihren inoffiziell rund 17 Millionen Einwohnern Torfbrände wüten, ist die Stadt bei Windstille in dichten Qualm gehüllt.

  • Video

Politik Bundestag stärkt Organspende

Krankenversichterte ab 16 Jahren werden in Zukunft häufiger gefragt, ob sie Organspender werden wollen. Dieses Gesetz hat der Bundestag mit großer Mehrheit verabschiedet - und noch einige weitere Entscheidungen gefällt.

  • Die aktuellen Top-Themen
Die Linke: Ulrich Maurer greift Parteispitze an

Ulrich Maurer greift Parteispitze an

In der Linken mehrt sich der Protest gegen die Parteispitze und den Zustand der Partei. Fraktionsvize Ulrich Mauer fordert eine radikale Verjüngungskur - und mehr Frauen. Denn in diesem Punkt hapert es gewaltig.

Gastkommentar: Die CDU muss weiter nach links rücken

Die CDU muss weiter nach links rücken

Nach der NRW-Wahl muss die Union neue Prioritäten setzen: Sie muss auf die Sorgen der Menschen reagieren. Sonst verliert sie noch mehr Vertrauen - und ihren Status als Volkspartei.

Studie: Bei Übernahmeschlachten gewinnt der Verlierer

Bei Übernahmeschlachten gewinnt der Verlierer

Wenn zwei Unternehmen um ein anderes streiten, bedeutet das oft nicht Gutes für den Gewinner. Denn bei Übernahmen können die Sieger die Erwartungen oft nicht erfüllen. Profiteur ist - der Verlierer.

Handelsblog Feuert die Dicke Bertha in die falsche Richtung?

Ein Kernproblem im Euro-Raum ist, dass es in den Krisenstaaten einen gefährlichen Link gibt zwischen dem Bankensystem und den Staatsfinanzen dieser Länder. Geldinstitute in Griechenland, Spanien, Irland und anderen Ländern stehen mit dem... Von Olaf Storbeck. Mehr…

Handelsblog Das Versagen von Bayern München, ökonomisch erklärt

Der Ausgang des Champions-League-Finales ist nicht nur peinlich für die Bayern, sondern auch für mich persönlich. Ausgehend vom Marktwert der Spieler hatte ich prognostiziert, dass Bayern gewinnen wird - weil die Mannschaft rund 30% mehr... Von Olaf Storbeck. Mehr…

  • Konjunkturtermine
Konjunkturtermine: Wochenvorschau

Wochenvorschau

Die wichtigsten Ereignisse und Indikatoren in Europa und International