Folgen des Atom-Streits
Ankara fürchtet bei Iran-Boykott um Einnahmen

Die türkische Regierung fürchtet Milliardeneinbußen, sollte der Westen im Atomstreit mit dem Iran Sanktionen gegen Teheran verhängen oder der Konflikt gar militärisch eskalieren. Ankara will deshalb für die zu erwartenden Verluste entschädigt werden.

ANKARA. Der Wunsch nach Kompensation kam nach Informationen aus türkischen diplomatischen Kreisen am Rande des Besuchs von US-Außenministerin Condoleezza Rice in Ankara Ende April zur Sprache. Die türkische Seite verlangt, eine solche Entschädigungsregelung müsse in eine Resolution des Uno-Sicherheitsrates eingearbeitet werden, sofern der Rat Sanktionen beschließe.

Zwangsmaßnahmen gegen den Iran würden die Türkei hart treffen. In den ersten drei Monaten erreichte der bilaterale Handel ein Volumen von 1,14 Mrd. Dollar, ein Anstieg von 37 Prozent gegenüber dem ersten Quartal des Vorjahres. Der Wertzuwachs ist vor allem ein Ergebnis der stark gestiegenen Energiepreise. Iran ist für die Türkei der größte Rohöl-Lieferant und ein wichtiger Erdgasversorger. Auch verlaufen viele Transit-routen zwischen Iran und Europa durch die Türkei. Teheran und Ankara koordinieren außerdem ihren gemeinsamen Kampf gegen die in Nordirak vermuteten kurdischen Rebellen: Beide Länder haben in den vergangenen Wochen starke Truppenverbände an den Grenzen zu Nordirak zusammengezogen. Irans Innenminister Mostafa Purmohammadi erklärte am vergangenen Wochenende, die Sicherheitsinteressen Irans und der Türkei seien „eng miteinander verbunden“.

Die Türkei drängt angesichts ihrer Abhängigkeiten von Teheran auf eine diplomatische Lösung des Atomstreits. Das unterstrich der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan nach eigenen Angaben auch bei einem Treffen mit dem iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad am vergangenen Freitag. Die beiden Politiker sprachen am Rande einer Konferenz der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit (ECO) in Baku miteinander. Er habe dem iranischen Präsidenten gesagt, die internationale Gemeinschaft könne ein militärisches Atomprogramm Teherans nicht tolerieren, berichtete Erdogan. Ahmadinedschad habe ihm geantwortet, er verstehe das. Am Montag beteuerte Irans Atom-Chefunterhändler Ali Laridschani bei Gesprächen in Ankara, sein Land plane kein atomares Waffenprogramm. Die selbe Zusicherung wiederholte er am Dienstag in Athen gegenüber der griechischen Außenministerin Dora Bakojannis.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%