Folteropfer
Lebenslanger Terror

Folter hat immer einen Anfang, aber nie ein Ende. In rund hundert Staaten werden Menschen systematisch gequält. Dennoch wird das Foltertabu immer wieder in Frage gestellt – ein Besuch in einer Berliner Anlaufstellle für Überlebende.

BERLIN. Kurz bevor Nedim Baran an einem klirrend kalten Oktobermorgen in das warme Beratungszimmer geht, überkleben Mitarbeiter des Berliner Behandlungszentrums für Folteropfer die Steckdosen in der Nähe des kleinen Tischchens. Dort wird sich Nedim Baran gleich niederlassen, um von seiner absoluten Erniedrigung zu sprechen, seiner Folterung.

Seit einem Vierteljahrhundert lebt der Kurde in der Endlosigkeit seines Foltertraumas. 15 Jahre ging er in türkischen Gefängnissen durch die Hölle. Zunächst wurde er 80 Tage auf diversen Polizeistationen gefoltert, dann weitere 15 Jahre in sieben Gefängnissen der Türkei. Zu seiner endlos währenden Hölle gehören die Erinnerungen an Elektroschocks und an Peitschenhiebe mit Stromkabeln. Seither löst der Anblick einer nackten Steckdose blanken Horror in Nedim Baran aus.

Die Bilder und die Geschichten von Folteropfern dringen heute nur noch in politisch ausgeleuchteten Situationen an die Öffentlichkeit – wie etwa beim US-Internierungslager in Guantánamo. Oder wenn die Opfer Murat Kurnaz oder Khaled El Masri heißen und im Spiel der großen Politik einen Namen bekommen. Oder wenn ein Oscar-Preisträger wir Errol Morris mit seinem Dokumentarfilm „S.O.P – Standard Operating Procedure“, der am Dienstag auf der Berlinale Weltpremiere hatte, Folterer wie die aus dem US-Gefängnis Abu Ghraib westlich von Bagdad zu Wort kommen lässt.

Doch ansonsten stumpfen die brutalen Folterbilder, von denen Fernsehzuschauer so gerne „auf die Folter gespannt“ werden, ab. Immer öfter taucht sogar die Frage wieder auf: Kann Folter nicht doch, ausnahmsweise nur, richtig sein?

Kapitalverbrechen mit Kindesentführungen, vor allem die Bedrohung durch den internationalen Terrorismus stellen das Foltertabu auch in Deutschland infrage. Umfragen zeigen, dass über die Hälfte der Deutschen „ein bisschen Folter“ erlauben würde. Rechtfertigungen gibt es viele: Foltern in Ausnahmefällen bei kriminalistischen Ermittlungen wie vor nicht allzu langer Zeit in Polizeipräsidien in Chicago oder in Frankfurt im Fall des entführten Bankierssohns Jakob von Metzler; das legale Verwerten von im Ausland illegal erfolterten Aussagen; das Outsourcen von Folterverhören in demokratisch ungeschützten Gesellschaften; der Kampf gegen den Terrorismus wie in Guantánamo und Abu Ghraib und, und, und. Allenthalben tönt es: Der gute Zweck heiligt die bösen Mittel.

Die Opfer von Folter werden dabei oft vergessen. Um sie kümmern sich die Ärzte und Therapeuten im Berliner Behandlungszentrum für Folteropfer – und sie stellen eine wachsende Apathie in der Öffentlichkeit gegenüber Folter fest.

Genau wie die Vereinten Nationen. Deren Sonderberichterstatter Manfred Nowak zog Anfang November in der Uno-Generalversammlung eine, wie er sagte, „erschreckende Bilanz“: „Noch immer wird Folter als Kavaliersdelikt angesehen, inzwischen sogar in entwickelten Ländern.“

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