Forderung der Anklage
Amtsarzt soll Timoschenko untersuchen

Wegen ihrer gesundheitlichen Probleme will Julia Timoschenko nicht an den Gerichtsverhandlungen teilnehmen. Nun fordert die Anklage den Einsatz eines Amtsarztes. Indes zweifeln deutsche Ärzte an einer völligen Genesung.
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Kiew/BerlinZum Auftakt eines zweiten Prozesses gegen die erkrankte ukrainische Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko hat die Anklage ihre Untersuchung durch einen Amtsarzt gefordert. Damit solle geklärt werden, an welcher Krankheit die Oppositionsführerin leidet und ob sie an dem umstrittenen Verfahren wegen Steuerhinterziehung und Veruntreuung teilnehmen könne. Das sagte Staatsanwalt Viktor Lobatsch am Montag Medien zufolge im Gerichtssaal in der Stadt Charkow.

Unter Berufung auf ein Gutachten des deutschen Neurologen Prof. Karl Max Einhäupl weigerte sich die 51-jährige Timoschenko, an dem Prozess teilzunehmen. Ihr Verteidiger Sergej Wlassenko forderte, den Prozess zu verschieben, bis es seiner Mandantin wieder bessergehe. Timoschenko hat ein Bandscheibenleiden und kann sich kaum bewegen.

An der Berliner Charité gibt es indes Zweifel an einer vollständigen Genesung der ukrainischen Oppositionellen. Es sei "nicht auszuschließen, dass bestimmte Störungen für immer bleiben", sagte Timoschenkos behandelnder Arzt von der Charité, Lutz Harms, der "Berliner Morgenpost" vom Montag. Wenn ein Nerv lange Zeit komprimiert sei, könne er am Ende zerstört sein. Die in der Ukraine in Haft sitzende Timoschenko könne ein Bein bislang kaum bewegen. Es sei nicht ausgeschlossen, dass doch noch eine Operation nötig sei.

Angesichts des schlechten Gesundheitszustands der ukrainischen Ex-Regierungschefin hält Harms es für nahezu ausgeschlossen, dass Timoschenkos Prozessfähigkeit schon wieder hergestellt sein könnte. "Aus ärztlicher Sicht war Julia Timoschenko während meiner Anwesenheit nicht in der Lage, an einem Prozess teilzunehmen", sagte der Neurologe. "Sie war nicht fähig, längere Zeit auf einem Stuhl zu sitzen. Auch der sitzende Transport in den Gerichtssaal wäre ein Problem gewesen", sagte Harms, der Timoschenko im Mai und Juni vor Ort medizinisch betreute.

Der Anführerin der prowestlichen Orangenen Revolution von 2004 drohen zwölf weitere Jahre Haft, weil sie in ihrer Zeit als Chefin eines Energiekonzerns in den 1990er Jahren 681 000 Griwna Steuern (heute rund 68 000 Euro) nicht gezahlt haben soll. Zudem habe sie dem Staat einen Schaden von 30 Millionen Griwna zugefügt.

Timoschenko war im Oktober 2011 in einem international kritisierten Verfahren wegen Amtsmissbrauchs zu sieben Jahren Straflager verurteilt worden. Der Fall überschattet auch die Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine. Als Vertreter des EU-Parlaments beobachteten der polnische Ex-Staatschef Aleksander Kwasniewski und der irische frühere EU-Parlamentspräsident Pat Cox den Prozess.

Agentur
afp 
AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur
Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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