Forscherparadies Atomkraftwerk
Zwentendorf und die Kernfrage

Ein Atomkraftwerk in der österreichischen Provinz, 30 Jahre alt, nie in Betrieb genommen. Im November 1978 besiegelte ein Volksentscheid das Ende des Kraftwerks Zwentendorf - der fertige Koloss durfte nicht ans Netz. Seitdem gleicht das Kernkraftwerk einem Geisterschloss. Interesse an der verwaisten Anlage zeigen einzig deutsche Stromkonzerne.

ZWENTENDORF. Auf dem Fensterbrett liegen noch immer die Aktenordner. Unverändert, unberührt, mit einer dicken Staubschicht, als sei das Haus vor vielen Jahren ganz plötzlich verlassen worden. Möbel der späten 70er-Jahre, kantige Büromöbel, Polstersessel mit Kunststoff-Überzug und die Fliesen mit Blumenmuster. Alles in grellen Farben. In den Räumen hängt ein schwerer, muffiger Geruch.

Dieser Ort hat in Zwentendorf, 4 000 Einwohner, österreichische Provinz, gut 50 Kilometer westlich von Wien, seine Spuren hinterlassen. Das an sich wäre schon seltsam, wenn man weiß, wie alles gelaufen ist. Aber es ist längst nicht alles.

"Kraftwerk Zwentendorf" steht auf dem Verkehrsschild, das den Weg von der Hauptstraße über eine kleine Betonpiste zum Donau-Ufer weist. Am Ortsrand liegt die "Otto-Hahn-Siedlung", benannt nach dem Vater der Kernspaltung.

Das ist viel Ehre für ein Kernkraftwerk, gebaut vor 30 Jahren, das noch keine einzige Kilowattstunde Strom produziert hat.

Es ist ein Geisterkraftwerk, in dem Johann Fleischer seinen Dienst versieht. Er ist noch immer dankbar. Der Betonklotz hat ihm damals einen neuen Job beschert. Seinen alten hatte er kurz zuvor verloren. Fleischer, 51 Jahre alt, ist hier seit Jahren Schrankenwärter, Gärtnerbeauftragter, Schließer - alles in einer Person. Er ist der einzige Mensch, der hier arbeitet. Einsam fühlt er sich nie. "Es gibt immer genug zu tun", sagt er. Außerdem bekommt er oft Besuch, vor allem aus Deutschland.

Die deutsche Stromindustrie interessiert sich sehr für dieses Geisterkraftwerk. In keinem anderen Land gibt es so etwas: ein Kernkraftwerk, das bis auf die letzte Schraube fertig für den Dauerbetrieb war und doch nie in Betrieb ging. Eigentlich sollten dort einmal 200 Beschäftigte arbeiten. Im November 1978 aber gab es eine Volksabstimmung, der Koloss durfte nicht ans Netz. Eine knappe Mehrheit wollte es so. Die Geschichte der Atomenergie in Österreich war damit beendet, bevor sie begonnen hatte. Die Österreicher sind in Kernfragen sehr konsequent: Seit bald zehn Jahren steht sogar in der Verfassung, dass das Land auf eigene Atomkraftwerke verzichtet.

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