Fortschritte
Syriens zarte Blüten

Die Wirtschaft beginnt, Syrien zu verändern. Aber wie sehr? Der Westen braucht das Land im krisenreichen Nahen Osten. In diesen Wochen und Monaten entscheidet sich, ob sich beide Seiten annähern oder ob Syrien mit Radikalen paktiert.

DAMASKUS. Fahles Sonnenlicht fällt auf Damaskus, als die erste Rush-Hour des Tages beginnt. Im Herzen der Stadt, rings um den zentralen Arnous-Platz, gerinnt der Verkehr zu einer zähen Blechmasse. Autohupen dröhnen, ein übergewichtiger Fahrer brüllt aus dem Fenster seines Busses. Aus dem Transistorradio, das in einer Saftbude zwischen Granatäpfel-Pyramiden steht, scheppert ein Jingle: "Honey, Honey, she does it like no other."

Die Zentrale des Radiosenders Al Madina FM ragt gleich am Arnous-Platz in den Himmel. Im Studio sitzt Honey al Sayed und moderiert ihre Show "Good Morning Syria" an. Gegen zehn Uhr ist es Zeit für die Horoskope. "Krebs: Veränderungen in deinem Liebesleben werden dir heute den Kopf schwirren lassen", flötet sie ins Mikrofon. Ihr gegenüber, hinter einer Glaswand, spielt der DJ zwischen Wassermann, Stier und Zwilling kurze Schnipsel von Pop-Songs ein. "Now we're rockin' on the dance floor, acting naughty, your hands around my waist", singt Rihanna, ein kanadischer Popstar. Honey al Sayed wiegt ihre Schultern im Takt.

Musik aus dem Westen und Texte über Sex wären noch vor wenigen Jahren im syrischen Radio undenkbar gewesen. Doch das Land steckt im Umbruch. Und in dem hektischen, aus arabischen und westlichen Elementen zusammengebastelten Programm von Al Madina FM spiegeln sich die Veränderungen wider.

Der Sender ist einer von neun neuen privaten Radiostationen. Und die beliebteste; stimmen die Statistiken der Werbebranche, dann wird sie von 38 Prozent der Bevölkerung gehört. Honey al Sayed, die Starmoderatorin, ist eine Stimme dieses Wandels. Seine Anzeichen entdeckt sie jeden Tag in den Straßen ihrer Stadt.

Sie lebt mit ihrer Mutter, einer geschiedenen Galeristin, in Qur al Assad, einer Villensiedlung an den Ausläufern des Antilibanongebirges. Morgens um sieben springt sie in ihr Auto. Nach 20 Minuten stößt der grüne Citroën in den Stadtverkehr, Wohnblocks aus fleckigem Rohbeton ziehen am Fenster vorbei; an den Fassaden kleben Porträts von Präsident Bashar el Assad. Dazwischen tauchen die Neonschilder der globalen Warenwelt auf, Café Costa, Versace, Kentucky Fried Chicken. Vor allem wirtschaftlich hat sich vieles getan; der Zustrom westlicher Marken hat das Gesicht der Stadt in den Zentrumsvierteln bereits völlig verändert.

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