Fortsetzung des Prozesses vor dem UN-Tribunal in Den Haag
Milosevic attackiert Deutschland

Seit Anfang 2002 läuft mittlerweile der Prozess gegen Slobodan Milosevic vor dem Kreigsverbrechertribunal in Den Haag. Nach mehrfacher Verzögerung wegen gesundheitlicher Probleme hat der frühere jugoslawische Präsident heute mit seiner Verteidigung begonnen.

HB DEN HAAG. Milosevic sieht sich selbst als Opfer einer verzerrten Darstellung der Ereignisse. „Die Vorwürfe gegen mich sind eine skrupellose Lüge und eine unendliche Verzerrung der Geschichte“, sagt er vor dem Gericht. „Alles wurde einseitig dargestellt, um die wahren Verantwortlichen zu schützen.“

Milosevic ist wegen Völkermords, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen während der Balkan-Kriege in den neunziger Jahren angeklagt, die zum Auseinanderbrechen Jugoslawiens geführt haben. Der Beginn dieser Phase des Prozesses war in den vergangenen Monaten wegen gesundheitlicher Probleme Milosevics wiederholt aufgeschoben worden. Seit Prozessbeginn im Februar 2002 litt der Angeklagte an hohem Blutdruck, Grippe und Ermüdungserscheinungen.

Milosevic hat zu Beginn der Verteidigung erneut in erster Linie Deutschland für die Konflikte der neunziger Jahre im früheren Jugoslawien verantwortlich gemacht. Sie hätten die Zerstörung Jugoslawiens durch schnelle Anerkennung der nach Unabhängigkeit strebenden Kräfte in Kroatien und Slowenien betrieben.

"Außenminister Genscher war der Hauptkriminelle bei der Zerstörung Jugoslawiens“, wiederholte Milosevic eine frühere Behauptung. Er wies den von der Anklage erhobenen Vorwurf zurück, dass er selbst durch eine Politik groß-serbischer Vormacht für Verbrechen im Kosovo, in Kroatien und in Bosnien-Herzegowina verantwortlich gewesen sei.

Der 63-jährige wirkte entspannt als er mit sonnengebräuntem, zum Teil vor Erregung gerötetem Gesicht seine Darstellungen vortrug. Er präsentierte sich in einem dunklen Anzug, einem blass-blauen Hemd und einer rot-blau-weiß gestreiften Krawatte in kämpferischer Stimmung.

Bevor er mit einer Chronologie der - wie er es nannte - „gewalttätigen Zerstörung“ Jugoslawiens begann, stritt er sich mit dem Vorsitzenden Richter über die ihm eingeräumte Zeit für seine Verteidigung. „Herr Robinson, für meine Eröffnungsbemerkungen werde ich auch den morgigen Tag benötigen. Ich möchte anmerken, dass die Gegenseite drei Tage hatte. Darf ich nun beginnen?“

Im Verlauf seiner Verteidigung will Milosevic mehr als 1000 Zeugen aufrufen lassen - darunter den britischen Premierminister Tony Blair und den ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton. Das Gericht sieht für die Verteidigung 150 Verhandlungstage vor und möchte das Verfahren bis Oktober kommenden Jahres abschließen. Der Prozess gilt als das wichtigste europäische Verfahren wegen Kriegsverbrechen seit mehr als 50 Jahren.

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