Francis Fukuyama im Interview
„Irak – Rekrutierungsbasis für Terroristen“

Der Politologe und ehemalige Vordenker der Neokonservativen, Francis Fukuyama, sprach mit dem Handelsblatt über die Strategiefehler der Bush-Regierung. Der Erfolgsautor wirft der US-Administration dabei unter anderem vor, seit den Anschlägen vom 11. September 2001 den Terrorismus noch angeheizt zu haben. Das Interview im Wortlaut lesen Sie hier:

Herr Fukuyama, in ihrem jüngsten Anti-Terror-Bericht sagt die US-Regierung, es sei sicherer geworden in den USA seit 9/11. Teilen Sie diese Einschätzung?

Es ist wahrscheinlich richtig, dass es in den USA, relativ betrachtet, heute sicherer ist als vor fünf Jahren. Auf der anderen Seite: Die Zahl der Terroristen in der Welt ist als Resultat der Handlungen, die die USA seither unternommen haben, deutlich gestiegen. Deshalb mag es hier in den USA zwar sicherer sein, die Situation insgesamt ist aber kaum als beruhigend zu bezeichnen.

Direkt nach dem 11. September schien die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Wurzeln des Terrorismus noch stärker zu sein. Das ist heute anders. Was ist seitdem falsch gelaufen?

Es gab eine Mischung aus absichtlicher Verzerrung und auch einem fehlenden Verständnis für die Situation. Dabei ist es die US-Regierung, die hauptsächlich dafür verantwortlich ist, dass alles in einen Topf geworfen wird: Irak, Iran und El Kaida werden dort als eine einzige terroristische Einheit dargestellt, als handele es sich um eine einzige zusammenhängende Bewegung – was sie natürlich nie war. Aber jetzt haben wir mit dem Irak-Krieg quasi eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, weil die Gruppen nun tatsächlich in die Arme des jeweils anderen getrieben werden. Diese Betrachtungsweise schafft größte Irritation und Konfusion. Wir sind aus bestimmten Gründen nicht daran interessiert, bestimmte Botschaften zu hören. Manche wollen bewusst Dinge nicht wahrnehmen, etwa was Iran betrifft, sie wollen einfach nicht mit dessen Vertretern verhandeln. Ähnliches gilt auch für Palästina.

Verteidigungsminister Donald Rumsfeld warnte jetzt vor zu viel Nachgiebigkeit gegenüber Ländern wie Iran und Syrien. Er verglich die Haltung mancher westlicher Regierungen mit der Appeasementpolitik der 30er-Jahre gegenüber Hitler.

Ich denke, es ist ein unglücklicher Vergleich. Er hat das wohl gemacht, um in den USA die Unterstützung für den Irak-Krieg aufrechtzuerhalten. Aber der Vergleich führt in die Irre. Syrien und Iran befinden sich in unterschiedlichen Kategorien. Syrien ist ein Problem auf Grund seiner Handlungen in seiner unmittelbaren Nachbarschaft. Und Iran muss man natürlich ernst nehmen, dennoch spricht aus der Historie vieles dagegen, dass Teheran irgendwann Israel mit der Atombombe bedrohen wird. Aber ganz grundsätzlich: Ich mag diese ganze Kriegsmetaphorik nicht. Der Krieg in Afghanistan war wohl unvermeidbar, der in Irak aber unnötig. Insgesamt jedoch wird man in Zukunft so den Terrorismus nicht bekämpfen können.

Also sagen Sie: keine Gewalt gegen Iran ...

Ich glaube auch nicht, dass die Bush-Administration Gewalt anwenden will. Dort weiß man auch, dass Militäraktionen nur das Gegenteil von dem bewirken würden, was man anstrebt.

Dennoch setzten die USA oft sehr schnell auf die Gewaltoption. Haben wir nicht genug andere Instrumente, um mit Krisen umzugehen?

Es gibt eine Metapher, die sagt: Wenn du nur einen Hammer als Instrument hast, dann sehen alle Probleme wie Nägel aus. Und im Falle der USA ist der Hammer die militärische Stärke. Deshalb schauen wir nur nach den Nägeln, an denen wir den Hammer anwenden können. Hinzu kommt, dass wir dazu neigen, die Probleme des Mittleren Ostens gerne in grelleren Farben zu malen, als es der Wirklichkeit entspricht. Wir reduzieren unsere diplomatischen Optionen, weil wir etwa mit bestimmten Gruppen gar nicht mehr reden.

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