Franco Bruni im Interview „Diese Geldpolitik ist verrückt“

Der italienische Ökonom Franco Bruni kritisiert die Geldpolitik der Zentralbanken. Die Probleme Europas, sagt er im Interview, lassen sich nicht mit mehr Geld lösen.
  • Philip Faigle, Fabio Ghelli
14 Kommentare
Mehr Geld wird Europa nicht retten, sagt der Ökonom Franco Bruni. Quelle: dapd

Mehr Geld wird Europa nicht retten, sagt der Ökonom Franco Bruni.

(Foto: dapd)

Sind wir Deutschen neurotisch, wenn wir fürchten, dass die Inflation ausbricht, nur weil die Europäische Zentralbank weiter Staatsanleihen aufkauft?

Franco Bruni: Nein. Es ist offensichtlich, dass durch die Anleihekäufe mehr Liquidität entsteht, die zu mehr Inflation führen kann.

Sie sind also gegen ein stärkeres Engagement der EZB, auch wenn Italien dadurch mehr Zeit bekommt, seinen Haushalt zu sanieren?

Ich bin nicht unbedingt dagegen. Wir sind in einer Notlage, in der die EZB dafür sorgen muss, dass das Vertrauen der Anleger zurückkehrt. Aber das Engagement sollte von kurzer Dauer sein. Wir dürfen nicht in alte Zeiten zurückfallen, in denen die Notenbanken einfach die Staatsschulden finanziert haben, wenn die Regierungen danach riefen. Die EZB sollte helfen, aber Europas Politik muss einfordern, dass die Reformanstrengungen in den Krisenländern nicht nachlassen.

In ihrem jüngsten Buch, das 2009 auf dem Höhepunkt der Krise entstanden ist, rechnen Sie mit der Geldpolitik der vergangenen 20 Jahre ab. Was ist Ihr Hauptvorwurf?

Dass wir die Regeln, die uns aus der Unordnung der Siebziger Jahre geführt haben, nicht eingehalten haben. Damals kämpften Keynesianer gegen Neoklassiker, in Italien war die Inflationsrate hoch, ebenso wie die Zinsen für Staatsanleihen – weit höher als im Moment übrigens. Die Regeln, die Italien in den achtziger und neunziger Jahren zurück auf den Pfad der Stabilität geführt haben, waren von der deutschen Stabilitätskultur inspiriert: Dazu gehörte auch die Unabhängigkeit der Zentralbank. Mein Vorwurf lautet, dass anschließend diese Regeln weltweit zu wenig Beachtung fanden.

Woran machen Sie das fest?

Seit der Japan-Krise Anfang der Neunziger, sind wir dem Irrglauben verfallen, dass wir mit dauerhaft niedrigen Zinsen die Wirtschaft ankurbeln können. Diese Geldpolitik ist verrückt, weil sie ausklammert, dass viele Staaten strukturelle Probleme haben. Diese lassen sich nicht mit mehr Geld lösen. Auch ist es verrückt zu glauben, man könne den Konsum beliebig anheizen, indem man die Zinsen de facto unter Null setzt, unter anderem, indem man die Inflationserwartungen nach oben treibt. Wir wissen heute, dass der Konsum von vielen anderen Dingen abhängt – unter anderem vom Sicherheitsempfinden der Konsumenten.

Welche Folgen hat das Ihrer Meinung nach?

Die Folge dieser Geldpolitik ist, dass wir es seit den neunziger Jahren in Europa mit einer drastisch steigenden Geldmenge zu tun haben – sie wächst weit schneller als das Bruttoinlandsprodukt. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht ständig exzessive Booms finanzieren.

„Wir legen die Saat für die nächste Krise“
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Franco Bruni im Interview - „Diese Geldpolitik ist verrückt“

14 Kommentare zu "Franco Bruni im Interview: „Diese Geldpolitik ist verrückt“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Eine Enteignung wäre es, wenn der Wert des Geldes sinken würde. Aber genau das tut er in einem Wirtschaftsumfeld mit geforderten negativen Zinsen nicht.

    Wenn Sie mal Ihre gezahlten Preise angucken (Rohstoffbasierte Preise (Heizkosten, Lebensmittel) mal ausgenommen, weil die in JEDER Währung gestiegen sind), was ist Ihnen denn so an Preissteigerung in den letzten 2 Jahren aufgefallen? Ist das aktuelle iPhone teurer geworden?

    Ich z.B. hab seit 10 Jahren keine Mieterhöhung gehabt, aber sehr wohl ein paar (ok kleine) Gehaltserhöhungen. Die Kneipenpreise haben sich für mich auch nur einmal erhöht, um einen eher symbolischen Beitrag.

    Ergo: Das Inflationsrisiko wurde in den letzten 3 Jahren völlig überzogen dargestellt (Immobilienmakler und Goldhändler hat's gefreut) und auch jetzt sind nirgendwo Anzeichen von einer Inflation von z.B. mehr als 5% im Jahr zu sehen. (1993, also in der "guten alten Zeit" mit der harten D-Mark war die Inflationsrate mal 5%.)

    Was Verschwendung angeht, das mag zwar ein lobenswertes Ziel sein, ich seh aber nicht, dass die bisher geforderten Sparprogramme da irgendwas helfen. Die einzigen beobachtbare Effekte sind sinkende Bruttosozialprodukte, die zu mehr wirtschaftlichen Problemen und schwerer zu bedienenden Schulden führen. Klassische wirtschaftliche Todesspiralen eben.

  • @vhe

    "Wenn man in 'ner Rezession ist und die eigentlich erforderlichen Zinsen negativ sind, führt "Gelddrucken" nicht zur Inflation"

    Es ist einfach Enteignung der Buerger. Ich sehe da nichts Positives.

    Hinsichtlich Suedlaender und sparen - es geht dort mehr darum die aufgenommenen Mittel vernuenftig einzusetzen und nicht auf welchen Wegen auch immer zu verschwenden. Was man versucht abzuwuergen ist diese Verschwendung und die vorhandene Korruption und nicht die Wirtschaft.

  • Geld ist kein Wertspeicher sondern ein Zahlungsmittel.
    Die deutsche Faszination mit festverzinslichen Geldanlagen (Sparbuch, -brief, Versicherungen als Geldanlage) hab ich noch nie verstanden. Man wettet gegen die Inflationsrate, fantasiert von "Sicherheit" und regt sich dann auf, wenn man die Wette verliert.

  • Mein Gott, dieses Inflatinsgefasel gibt's jetzt schon seit Jahren. Eigentlich sollten wir ja schon seit mindestens 2010 Geldscheine wieder mit der Schubkarre herumfahren.

    Wenn man in 'ner Rezession ist und die eigentlich erforderlichen Zinsen negativ sind, führt "Gelddrucken" nicht zur Inflation sondern zur Vermeidung einer Deflation. Ist ja auch schonmal vorexerziert worden, bei Rooseveld hat man mit dem new deal gesehen, wie's aussieht, wenn's funktioniert und bei Brüning, was passiert, wenn man die Deflation richtig auskostet.

    Selbst die Schuldenmacherei ist da kein Stress, SIEHE DEUTSCHLAND 2009/2010. Wie ist denn die verlängerte Kurzarbeit finanziert worden? Andere Länder schmeißen in solchen Situationen massenhaft Leute raus und wundern sich dann, dass der Konsum zusammenbricht und es allen noch schlechter geht. Und als der Bedarf wieder stieg (meist im asiatischen Ausland), mußte die deutsche Wirtschaft keine neuen Leute erst einstellen und anlernen sondern war praktisch auf Knopfdruck wieder voll da. SO sieht ein erfolgreicher Umgang mit 'ner Krise aus.

    Und was verordnen wir den Südländern? Sparen, Sparen, Sparen, wie weiland der IWF bei der Asienkrise. Und wenn dann (logischerweise) die Wirtschaft verreckt, damit die Verschuldung proportional steigt, was fordern wir dann? Mehr sparen!

    Und das nur, weil offensichtlich die Mehrheit der Politiker (und Ökonomen) unfähig ist, zwischen zyklischen Hilfen und langfristigen Konsolidierungen zu unterscheiden.

    Italien z.B. hat einen Primärhaushaltsüberschuß von 3%. Wenn man denen billig genug Geld leiht, können die ihre Schulden ganz lässig abbauen. Also was sollen dort Sparmaßnahmen, die nur die Wirtschaft abwürgen?

  • Der Euro ist ein billiger Vodka. Wir sind wie ein Alkoholkranker. Der bekommt qualvolle Entzugserscheinungen, wenn man ihm den Alkohol entzieht. Würden die Zentralbanken die Zinsen stark erhöhen und die Geldschöpfung plötzlich bremsen, würde es uns ähnlich ergehen. Das System würde kollabieren. Deshalb sieht sich die Zentralbank gezwungen, immer mehr Geld bereitzustellen. Das aber macht das System noch krisenanfälliger. Ein Teufelskreis. Es werden sich weitere Blasen bilden, die irgendwann platzen und großen Schaden anrichten.Uns muss klar sein, dass viele Werte am Finanzmarkt fiktiv sind. Es sind Luftbuchungen, die an den Märkten gehandelt werden, die aber keinen realen Gegenwert besitzen. Wenn das Geld plötzlich weg ist, staunen die Leute: Wer hat denn jetzt mein Geld? Die Antwort ist: niemand. Es war ja nie wirklich da. Das ganze Dilemma, warum die Deutschen soviel Tages-,Festgeld, Bankanleihen, Bundeswertpapiere, Lebensversicherungen etc. halten ist der hartnäckige Glaube, dass die Bank und der Staat "Dein Freund" sind. Das wurde den Deutschen ja auch jahrzehntelang vorgegaukelt. Leider ist es aber so, dass man, wenn man Leute vom Gegenteil überzeugen will, nur müde belächelt, oder gar als gefährlicher Anarchist oder bedauernswerter Spinner dargestellt wird. Die Geldmengenvermehrung ist der Weg des kleinsten Widerstandes für Demokratien. Geldvermehrung ist eine Enteignung wehrt euch dagegen indem ihr Gold und Silber benutzt !!!

  • Es ist fünf nach zwölf. Die Staaten werden sich über Geldmengenvermehrung ihrer Schulden entledigen. Diese Vermehrung ist einfach eine Plünderung der Ersparnisse sei Es konten oder Renten. Es ist eine perfide Enteignungsmethode mit der die Gläubiger sogar ohne Mitbeteiligung enteignet werden. Das ist das Schema in allen Rettungsaktionen die Stattfand wenn IMF Gelder zur "Rettung" gab.
    Man hat nicht kapiert dass im Mai der Euro in etwas wie Drahme und Peseta oder Lire umgewandelt worden ist. Euro ist keine Hartewährung mehr. Es ist eher so dass die Deutschen nun die DM für Lire oder Drahme aufgegeben haben. Die Geldmengenvermehrung ist der Weg des kleinsten Widerstandes für Demokratien. Geldvermehrung ist eine Enteignung wehrt euch dagegen indem ihr Gold und Silber benutzt !!!

  • Franco Bruni, ein kluger Mensch. Eigentlich nutzt er nur den Hausverstand, der bei den Politikern zu fehlen scheint. Dies gilt nicht nur fuer Europa, sondern auch fuer USA und Japan. Obama hat ja kuerzlich festgestellt, dass er die Probleme der USA in seiner Amtszeit nicht loesen koennen wir, da es strukturelle sind. Aber dies war eigentlich schon vor seiner Amtszeit klar - hat lange fuer diese Erkenntnis benoetigt. Keine Ahnung auch warum er dann so viel Geld gedruckt hat und immer noch tut. Die EZB folgt ihm dabei. Unfaehigkeit entzieht sich jeder Logik.

  • Völlig falsche Frage mit propagandistischer Irreführung:

    "Wie können wir verhindern, dass die nächste Blase platzt und das Finanzsystem ins Wanken bringt?"

    - das Problem ist nicht irgendeine Spekulationsblase,
    sondern ein riesen Berg an uneinbringlichen Forderungen.

    Diese ganzen Verschuldungs-Charts, welche nicht zuletzt wegen der Exponentialfunktion des Zinseszinses einen entsprechend exponentiellen Verlauf nehmen, werden niemals abgebaut werden können. wer jetzt noch: STOPP! schreit, ist wirklich ein Penner.

    Und wenn man der Ursache für das Zustandekommen dieser Forderungen näher auf den Grund gehen würde, könnte man auch über eine Lösung nachdenken. Genau das will man aber offensichtlich nicht ...

  • Wenn sich die Krise nicht mit Geld lösen läßt, womit dann?

    Mit Panzern? Da hätte GR doch einige Möglichkeiten als Besitzer der größten Panzerarmee der europäischen NATO-Staaten.

    Aber die sparen lieber an den Renten als an den Panzern!

  • "Wenn die Zinsen niedrig sind, verleitet das zum Beispiel Investoren dazu, sich zu verschulden, auch wenn es keinen realistischen Rückzahlungsplan gibt. Die Risikobereit-schaft der Anleger steigt über ein gesundes Maß, wenn mehr Geld im Markt ist. Wie groß dieser Effekt ist, beginnt die ökonomische Forschung langsam zu verstehen."
    Wie die bisherigen Kommentare zeigen, wird, was hier als Effekt bezeichnet wird, schon längst verstanden. Die notwendige Menge gleicher Geldeinheiten ist eine Größe, die abhängig ist von der Preissumme der zirkulierenden verkaufbaren Waren (Güter und Leistungen)und der Umlaufsanzahl gleicher Geldeinheiten. Das herrschende Verständnis widerspricht diesem Zusammenhang, weil es das BIP als "Wertschöpfung" - ob es verkaufbar ist oder nicht -und die "Produktion" und den Handel mit auf Geld lautenden Papieren (Geldware)ebenfalls als wirtschaftliche Leistung nicht nur bezeichnet, sondern die "Ökonomen" - von diesem Verständnis beherrscht - damit Analysen für Politik und makroökonomische Modelle erstellen. Aufgrund des offenbaren Widerspruchs dieses Verständnisses zur Realität (auch zur Realwirtschaft)hat ja Nobelpreisträger auf der jüngsten Konferenz in Lindau zur Selbstkritik getrieben (="langsames Verstehen"), dass ihr analytisches Rahmenwerk und ihre makroökonomischen Modelle viele falsche Dinge enthielten.
    Dieser Artikel trägt dann zur Überwindung dieses Widerspruchs des herrschenden Verständnisses, wenn "Politik" ihn nicht nur liest, sondern daraus schlussfolgert, Voraussetzung zu schaffen, dass (zuerst) die weltweit geltenden Regelwerke für "Analyse und Politik" (SNA und ESVG 95) so überarbeitet werden, dass mit den dann erfassten und aufbereiteten Daten die Realität - nicht von bestimmten Erscheinungen - in ihren kausalen Zusammenhängen abgebildet wird.
    (s.a. http.//diskussion.erkenntniswiderspruch.de)

Alle Kommentare lesen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%