Frankreich büßt für Fehler der Vergangenheit
Revolution im Hinterhof

Eine Gruppe Jugendlicher in Trainingsjacken und Baseballkappen, zum Teil mit Tüchern vermummt, stürmt auf den weißen Renault Laguna zweier Journalisten von France Télévion zu. In Panik reißen die Reporter die Türen auf und rennen davon. Die Randalierer springen wie von Sinnen auf dem Wagen herum, wenige Minuten später geht der Renault in Flammen auf.

HB PARIS. Der Wagen der TV-Reporter ist eines von 177 Autos, die in nur einer Nacht im Département Seine-Saint-Denis im Nordosten von Paris verbrannt sind. Unbekannte schossen in La Courneuve auf Polizisten. In Aulnay-sous-Bois, wo Jugendliche die TV-Journalisten angegriffen, tobten die schlimmsten Ausschreitungen. Eine Polizeiwache, die Verkaufsräume eines Renault-Händlers und ein Kindergarten gingen in Flammen auf.

Die Welle der Gewalt, die seit nunmehr acht Nächten die Pariser Vororte erschüttert, breitet sich aus: Allein im Département Seine-Saint-Denis brannten in zehn Vorstädten Autos und Geschäfte. Mittlerweile ist auch das Nachbardépartement, Haute-Seine, betroffen. Seit vergangener Nacht sind sogar andere Städte betroffen: Auch in Dijon, Rouen und bei Marseille wurden Autos zerstört.

Auslöser der Unruhen war der Tod zweier Jugendlicher in Clichy-sous-Bois vor einer Woche. Sie fühlten sich von einer Polizeistreife verfolgt und starben, als sie sich in einer Transformatoranlage versteckten. Jetzt ermittelt die Justiz.

Kenner der Probleme der Vorstädte überrascht der Gewaltausbruch der Jugendlichen nicht: „Die aktuelle Gewalt hat ihre Ursache in einer jahrzehntelang fehlgeschlagenen Integration“, sagt Albert Tchumbia, Vorsitzender des Vereins Acerba. Seine Organisation hilft seit 1978 Jugendlichen aus dem Vorort Aulnay-sous-Bois bei Problemen in der Schule und bei der Jobsuche. „Die Gewalt erinnert uns daran, dass seit den ersten Ausschreitungen in den 70er-Jahren nichts wirklich geschehen ist“, meint auch der Soziologe Michel Wieviorka.

In den 60er- und 70er-Jahren holte Frankreich viele Gastarbeiter ins Land, vor allem aus Afrika und den Maghreb-Staaten. Das Wohnungsproblem löste der Staat, indem er in kurzer Zeit riesige Komplexe an Sozialwohnungen in den Vorstädten aus dem Boden stampfte, genannt Cités. „Das war als eine Übergangslösung gedacht. Doch entgegen der Erwartung der Regierenden blieben die Gastarbeiter im Land und gründeten Familien“, sagt Tchumbia.

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