Frankreich
Die wahre Opposition

Widerstand aus dem Parlament hat Frankreichs neuer Staatspräsident nicht zu fürchten. Der droht dafür umso mehr von außen – von den Gewerkschaften. Sie wollen dafür sorgen, dass Nicolas Sarkozy hoch droben auf dem Gipfel der Macht nicht übermütig wird.

PARIS. Die aschblonden Haare fallen wie ein dichter Vorhang über Stirn und Ohren bis in den Kragen hinein. Über dem offenen schwarzen Hemd schlackert ein senfbrauner Anzug, der Erinnerungen weckt an eine lang zurückliegende modische Epoche. Würde man Bernard Thibault auf eine Zeitreise in die Vergangenheit schicken, dann würde er gut auf die Barrikaden des Jahres 1968 passen.

Eigentlich ist der 48-Jährige dafür zu jung. Der Vorsitzende der größten und ältesten französischen Gewerkschaft Conféderation Générale du Travail (CGT) fing erst 1974 als Lehrling bei der Eisenbahngesellschaft SNCF an. Dem Gedankengut der Protestbewegung der sechziger Jahre fühlt sich Thibault gleichwohl eng verbunden. „Ich stehe voll zum sozialen Erbe und zu den Gewerkschaftskämpfen dieser Zeit“, sagt er, und seine wasserblauen Augen blitzen.

Das klingt nach linker politischer Nostalgie, doch der Eindruck täuscht. Bernard Thibault steht fest auf dem Boden der Gegenwart. Der Gewerkschafter, der wie ein Apo-Mann aussieht, versteht sich auch so. Ungezählte Male ist er gegen die „hemmungslose Rechte“ auf die Straße gegangen und hat sie der „Komplizenschaft mit den Arbeitgebern“ beschuldigt. Nun nimmt der CGT-Boss im rechten politischen Lager einen neuen Gegner ins Visier: den frisch gewählten französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy. „Er hat uns im Wahlkampf hart attackiert und steht den Arbeitgebern noch näher als sein Vorgänger Chirac.“

Bernard Thibault will dafür sorgen, dass Sarkozy hoch droben auf dem Gipfel der Macht nicht übermütig wird. Qua Amt verfügt der französische Präsident über Befugnisse wie kein zweiter Staats- oder Regierungschef der westlichen Welt. Obendrein kann er sich in der Nationalversammlung auf eine absolute Mehrheit stützen. Im altehrwürdigen Palais Bourbon, wo das vor drei Tagen gewählte neue Parlament zu Hause ist, hat Sarkozy keinen Widerstand zu befürchten – außerhalb davon dafür umso mehr.

Die wahre Opposition Frankreichs ist fern der prunkvollen Regierungspaläste zu finden im Arbeitervorort Montreuil am Rande des achtspurigen Pariser Autobahnrings. Hier residiert die CGT in einem schmucklosen Glasturm. Draußen kämpfen sich Autofahrer durch den Dauerstau, drinnen wachsen Palmen, Agaven und Kakteen vergeblich an gegen grauen Waschbeton und weiße Funktionskacheln. In seinem Büro in der achten Etage erzählt Bernard Thibault von seinen ersten beiden Begegnungen mit dem neuen Präsidenten: „Sarkozy sagt, was er denkt, und ich tue das auch. Wir haben uns ein Pingpongspiel geliefert. Denn unsere Meinungen gehen doch sehr weit auseinander.“

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