Frankreich – ein Jahr mit dem Terror
„Heute weinen wir, morgen feiern wir das Leben“

Nach den Terroranschlägen in Paris geht für die Franzosen ein schwarzes Jahr zu Ende. Unsere Korrespondentin über die Schockstarre der ersten Tage, die wieder erwachte Kampfeslust der Grande Nation und die eigene Angst.
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ParisEs gibt Bilder, die sind unvergesslich. Nach den Attentaten vom 13. November, bei denen 130 Menschen starben, waren überall an den Anschlagsorten in Paris riesige Einschusslöcher zu sehen. Durch ein Loch im Fenster der Bar Le Carillon hatte jemand eine rote Rose gesteckt. Die Blume der Liebe. Paris, je t´aime – Paris, ich liebe dich, stand auf einem Zettel. Mit den Anschlägen trafen die Terroristen das junge, lebenslustige Paris. So unbekümmert wie vorher wird es wohl kaum mehr werden.

Den Schock vergessen wir nie. Ich wohne im Osten der Stadt, nur zehn Minuten entfernt von den Orten des Grauens. Trauernde Menschen in einem Meer von Kerzen und Blumen versammelten sich dort, noch Wochen nach den Anschlägen. Die ersten Terror-Nachrichten auf Twitter wollten wir kaum glauben. Unvorstellbar erschien ein derartiges Gemetzel mitten in Paris. In einem ganz normalen Viertel, in dem viele junge Menschen und Familien wohnen, schlugen die Terroristen gleichzeitig an mehreren Orten zu – ein Horrorszenario für Frankreichs Sicherheitskräfte.

Anders als Anfang Januar, als die Satirezeitschrift Charlie Hebdo und ein jüdisches Geschäft Opfer von Anschlägen wurden, waren es im November nicht mehr ausgewählte Ziele wie Militär, Bahnhöfe oder Flughäfen, sondern typische Pariser in ihrem Alltag. Die französische Gesellschaft wurde mitten ins Herz getroffen, das französische und westliche Lebensgefühl angegriffen, Frankreichs Ideal der „Liberté“.

Anders als im Januar gab es auch keinen großen Solidaritätsmarsch. Der Schock saß dafür zu tief. Kaufhäuser, Bars und Terrassen schienen in den zwei Wochen danach wie ausgestorben. Doch überall gab es Aufrufe, sich zur Wehr zu setzen. So hieß es an der Place de la République, an der sich in den folgenden Wochen immer wieder Menschen versammelten, auf einem Banner: „Heute weinen wir, morgen feiern wir das Leben umso mehr.“ Und bald füllten sich die Bars und Restaurants wieder, in den warmen Wintertagen saßen sogar viele draußen.

Ihr gewohntes Leben wollen sich die Pariser nicht verbieten lassen. Doch das mulmige Gefühl bleibt. Wenn wir von Freunden und Kollegen aus Deutschland gefragt werden, wie es geht, sagen wir: „Ok, das Leben geht weiter.“ Nur die Situation nicht noch mehr dramatisieren! Aber das Leid, das wir gesehen haben, die grausamen Bilder im Musikclub Bataclan, die Toten auf dem Boden, werden wir nicht vergessen. Viele von uns kennen jemand, der bei den Anschlägen ums Leben gekommen ist.

Wenn Pariser sagen, sie haben nach den Anschlägen keine Furcht, stimmt das nicht. Viele geben sich nur unerschrocken. Alle sind sich bewusst, dass es jederzeit und überall zu einem erneuten Anschlag kommen könnte. Häufig denkt man darüber nach, wo es gefährlich sind könnte. Zumal Paris wie ein Krisengebiet anmutet.

Vor den großen Kaufhäusern Printemps und Galeries Lafayette wachen schwerbewaffnete Soldaten. Zu Weihnachten beobachteten Soldaten die katholische Kirche in meinen Viertel, so wie viele andere Kirchen. Ständig stellt man sich deshalb Fragen: Kann man auf dem Weihnachtsmarkt auf den Champs-Elysées gehen? Oder die Eislaufbahn vor dem Rathaus benutzen? Ist das alles noch sicher? Ganz zu schweigen von der Pariser Metro.

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  • Die Verantwortlichen für den Zerfall der Gesellschaften sitzen in den nationalen Parlamenten und in den Vor´standsetagen von Banken, Versicherungen und Wirtschaftskonzernen. Ich verachte diese Staats- und Wirtschaftsrepräsentanten zutiefst und aus vollstem Herzen! Ich bin im Widerstand gegen diesen Staat und gegen diese verdammten Abzocker und Geschäftemacher.

  • Diese Überschrift ist der Oberbegriff für Schafe die wehrlos jedes Schicksal ertragen und weiter grasen als wenn nichts passiert ist. Die Angehörigen der Opfer denken sicherlich über diese Überschrift anders und das zu recht. Das Leid ist zu groß und
    jemand muss dafür bezahlen und es darf keine Spirale von Leid und Feiern geben.

    Auch bei uns zeigen uns jeden Tag Politiker, dass wir in Gefahr sind und es keinen echten Schutz gibt. Sie geben sich schon die Absolution in voraus und sprechen sich frei von Verantwortung. Das sie unser Land zu dem gemacht haben, was es heute ist was die Sicherheit betrifft wird verdrängt.

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