Frankreich
„Eurostar kann nicht eigene Regeln aufstellen“

Weil Eurostar für Fahrten durch den Tunnel unter dem Ärmelkanal Züge von Siemens und nicht des französischen Herstellers Alstom kaufen will, gibt es Streit zwischen Berlin und Paris. Das Handelsblatt sprach darüber mit Frankreichs Transportminister Dominique Bussereau.
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Handelsblatt: Sie haben den Kauf von Siemens-Zügen durch Eurostar als „null und nichtig“ bezeichnet. Spielt Frankreich nun die Protektionismuskarte?

Dominique Bussereau: Frankreich wendet auf das Komma genau alle EU-Texte in Bezug auf die Öffnung des Marktes für Schienenverkehr an. Als einen Beleg dafür nenne ich, dass Netzbetreiber Réseau Ferré de France Anfang des Jahres dem italienischen Bahnbetreiber Trenitalia erlaubt hat, die Strecke Paris-Lyon-Turin zu befahren. Es ist daher falsch zu behaupten, Frankreich schotte seinen Bahnsektor ab.

Kritiker werfen Ihnen aber vor, dass Sie über Sicherheitsregeln Siemens ausbremsen wollen.

Wollen neue Anbieter durch den Tunnel unter dem Ärmelkanal fahren oder will Eurostar neue Züge auf dieser Strecke einsetzen, so sind strikte Sicherheitsregeln zu beachten. Dafür sind die Staaten verantwortlich, das ist in Deutschland auch nicht anders. Paris kann nicht die Frage der Sicherheit der Passagiere einfach in den Hintergrund stellen.

Seien wir ehrlich: Es geht weniger um die Sicherheit als um die Tatsache, dass Siemens die Ausschreibung gewonnen hat.

Eurostar hat bei der Ausschreibung von den Bietern verlangt, einen Zug mit verteiltem Antrieb (statt in einem Triebwagen ist die Antriebselektrik unter den Wagen verteilt, d. Red.) anzubieten. Das Problem ist aber, dass die aktuell gültigen Regeln den Einsatz solcher Züge im Tunnel nicht erlauben. Wenn Eurostar den „AGV“ von Alstom statt den „Velaro“ von Siemens ausgewählt hätte, hätten wir auf die gleiche Weise reagiert. Eurostar kann nicht einfach seine eigenen Regeln aufstellen oder die Änderung der bestehenden Regeln vorwegnehmen.

Ihr Minister-Kollege Estrosi fordert nun sogar, die Ausschreibung zu annullieren.

Ich will nicht, dass es in diesem Fall zu einer Polemik kommt. Die Regierung verlangt nicht die Annullierung der Ausschreibung.

Die Sicherheitsregeln werden von einer britisch-französischen Kommission festgelegt. Wird Frankreich hier blockieren?

Seitdem der Tunnel unter dem Ärmelkanal eröffnet worden ist, wurden einige neue Zugtechnologien entwickelt. Frankreich befürwortet, dass die Regeln für den Tunnel aktualisiert werden – unter der Bedingung, dass es keine Abstriche bei der Sicherheit gibt. Mit Blick auf die Zulassung von Zügen mit verteiltem Antrieb gibt es einen Konsens darüber, das zu untersuchen. Der französische Staat ist also kein Gegner dieser Art von Zügen. Sollte aber einer der Transformatoren, die unter dem Zugboden angebracht sind, in Brand geraten, darf es nicht dazu kommen, dass dadurch die sichere Evakuierung der Passagiere behindert wird.

Ist Frankreich bereit, die Bestimmung über die Mindestlänge für Züge zu lockern?

Sowohl die britischen als auch die französischen Experten sind dagegen, die vorgeschriebene Mindestlänge von 375 Metern zu lockern. Wie sollen wir akzeptieren, dass die Passagiere in bestimmten Fällen bis zu 100 Meter durch Rauch laufen müssen, um einen Notausgang zu erreichen?

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  • in den Artikel hat sich ein inhaltlicher Fehler eingeschlichen: Die geplanten Velaro-Züge mit verteiltem Antrieb sind so genannte "Triebwagenzüge", da angetriebene Wagen ("Triebwagen") und nicht angetriebene Wagen zu einem Zug zusammengestellt werden. Konventionelle Züge wie der TGV oder auch die älteren iCEs sind dagegen "Triebkopfzüge" (Züge, die aus einem oder zwei Triebköpfen und nicht angetriebenen Wagen gebildet werden).

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