Frankreich ringt um seine Familienpolitik
Dem erfolgreichen Modell geht das Geld aus

Bei der Geburtenrate liegen die Franzosen in Europa ganz weit vorne. Ihre Familienpolitik gilt auf dem Kontinent als Erfolgsmodell. Nun droht sie zum Opfer der Sparpolitik der sozialistischen Regierung zu werden.
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ParisZum ersten Mal seit ihrem einjährigen Bestehen hat Frankreichs sozialistische Regierung Kurs genommen auf die Kürzung einer Sozialleistung – und dann doch im letzten Moment lieber die Steuern erhöht. Wieder einmal. 56,4 Milliarden Euro hat die französische Familienkasse im vergangenen Jahr ausgegeben, im laufenden werden es voraussichtlich knapp zwei Milliarden mehr sein. Für diese Steigerung gibt es allerdings kein Geld, so dass die Regierung wieder einmal vor der Frage stand: Sparen oder mehr Steuern erheben?
Sie hat sich für beides entschieden, wobei der größere Teil auf höhere Steuern entfällt. Die Regierung fürchtete, als Totengräber der erfolgreichen Sozialpolitik zugunsten des Nachwuchses angegriffen zu werden, von der Linken wie von der Rechten. Familien mit hohem Einkommen müssen künftig insgesamt gut eine Milliarde Euro an höheren Steuern zahlen. Gleichzeitig werden aber die Leistungen für Familien gesenkt, die über eine bestimmte Einkommensschwelle kommen.
Frankreich ist stolz auf seine Familienpolitik, die in ganz Europa gerühmt wird. Deshalb bemühte Premier Jean-Marc Ayrault sich am Montag auch, sein Festhalten an dieser Politik zu unterstreichen: „Wir müssen unser französisches Modell reformieren, indem wir seine Finanzierung sichern und seine Anwendung gerechter machen.“ Gelobt wird Frankreichs Familienpolitik vor allem deshalb, weil sie zu einer guten demographischen Entwicklung beiträgt. Die Franzosen werden immer mehr, während die Deutschen eine abnehmende Spezies sind. Unser Nachbarland zählt 1,99 Geburten pro Frau, während es in Deutschland nur 1,39 sind.
Dabei ist das deutsche Kindergeld etwas großzügiger. Bis zum Alter von 25 Jahren gibt es pro Kind 184 Euro. In Frankreich sind es für das erste Kind Null, für zwei 129 und für drei Kinder 293 Euro. Allerdings kommen in Frankreich bis zum Alter von drei Jahren pro Kind noch einmal 185 Euro dazu. Frankreich konzentriert seine Förderung also auf die Familien mit kleinen Kindern, Deutschland streut sie de facto bis ins junge Erwachsenenalter.

Ins Reich der Mythen gehört dagegen die Feststellung, Frankreich verfüge über eine hervorragende Kinderbetreuung. Sie ist für Kleinkinder besser als in Deutschland, beruht aber längst nicht auf einer flächendeckenden Versorgung mit Kinderkrippen, wie in der Bundesrepublik oft angenommen wird. Nur eine von zehn Familien findet einen Krippenplatz. Die anderen behelfen sich mit anderen Methoden der Betreuung, meist mithilfe von Tagesmüttern. Um die bitteren Pillen der Steuererhöhungen und der Leistungskürzungen besser aufnehmen zu lassen hat Ayrault gleichzeitig versprochen, 275 000 zusätzliche Betreuungsplätze zu schaffen.
Deren Finanzierung allerdings liegt noch ein wenig im Dunkeln. Denn als Quelle werden dieselben Mittel angegeben, die bereits das Defizit in der Familienkasse schließen sollen: Die Einschränkung des Familiensplittings und die Leistungskürzungen. Die betreffen alle Alleinverdiener-Paare mit einem Einkommen über 3250 Euro im Monat und Doppelverdiener, die mehr als 4000 Euro erreichen. Wer über dieser Schwelle liegt, dessen Leistungen werden um die Hälfte gekürzt. Bei den „Besserverdienern“ kumulieren sich also die Effekte aus höheren Steuern und verringerter Familienförderung. „Wir müssen an die besonders begüterten Familien appellieren, um unser Sozialmodell bezahlbar zu halten“, drückte Ayrault sich euphemistisch aus: Der „Appell“ des Staates lässt sich nicht ablehnen.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris

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  • Eine Problematik die sich durch den Feminismus ergibt ist dass immer mehr Frauen einen hohen Bildungsabschluss erreichen und dann ähnlich der Männer verdienen. Die wenigsten Frauen mögen nach unten heiraten.

    Vandale, sind Sie Anhänger der Taliban? Ihre Meinung erscheint doch beinahe unterirdisch. Wollen Sie jetzt den Frauen die Ausbildung verbieten? Wie kommen Sie denn da drauf, dass die wenigsten Frauen nach unten heiraten wollen? Wenn ich in meinem Bekanntenkreis schaue, dann haben die Frauen durchschnittlich immer die bessere Ausbildung - und Sie sind verheiratet mit KIndern. Also würde ich das mal nicht so pauschlisieren. Eine Frau, die selbst vorsorgen kann, braucht nicht mehr darauf zu achten, was der Mann verdient. Dann gelten einfach andere Kriterien bei der Selektion und dass Talibananhänger da durchfallen, erscheint natürlich.

  • Merkel hat ja die Sozialleistungen anderer Länder kritisiert.Müssen sich nun die anderen Länder Deutschland anpassen, oder muss sich Deutschland den anderen anpassen??? Deutschland kann mit seiner überflüssigen Agenda 2010, mit dem Rentenbetrug, mit Leih- und Zeitarbeit, mit Niedriglöhnen, mit entwerteten Vorsorgen niemals mehr Vorbild sein. Die Rot-Grünen in Deutschland leiden heute noch massiv unter Wählerschwund wegen der Sozialbetrügereien.

  • XYZ..ich bin ein paar Jahre älter als Sie und habe 4 Kinder...Eine Problematik die sich durch den Feminismus ergibt ist dass immer mehr Frauen einen hohen Bildungsabschluss erreichen und dann ähnlich der Männer verdienen. Die wenigsten Frauen mögen nach unten heiraten. Bei gleichem Einkommen wird die Problematik des Ausfalls eines Verdieners dann schwieriger.

    Meine erste Gattin hatte seinerzeit 1/2 meines Nettoeinkommens, meine 2 Gattin 1/3. Damit war die Alleinverdienerehe dann relativ unproblematisch. Später haben wir dann in Ländern gewohnt die mein Einkommen erträglich besteuert haben. Das war der Alleinverdienerehe sehr zuträglich.

    Vandale

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