Frankreich und der IS-Terror
„Auch wir sind dreckige Franzosen!“

Die Ermordung eines Landsmannes hat in Frankreich eine nationale Einheit geschaffen, wie sie Präsident Hollande nicht gelungen ist. Alle stehen hinter der Regierung. Doch bei der Sicherheit gibt es immer wieder Pannen.
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ParisAufgekratzte junge Soldaten auf einem Militär-LKW mit hochgerollten Planen fahren zwischen den Terminals des Flughafens Paris-Charles de Gaulle herum. Was ein wenig skurril wirkt, ist Teil der neuen Regierungstaktik: Sie will die eigene Bevölkerung davon überzeugen, dass sie alles für ihren Schutz tut. Dabei erwartet sie sich offenbar von Soldatentrupps eine beruhigende Wirkung. Hinzu kommt eine verstärkte Präsenz der Polizei und der bewaffneten Bahnpolizei, die ihre Schlagkraft mit Personenkontrollen unter Beweis stellen wollen. „Was soll der Quatsch, was habe ich getan, lasst mich in Ruhe“, wehrt sich lautstark ein farbiger Franzose an der Gare de l‘Est. Keine Chance: Er ist von vier Polizisten umzingelt, die nicht nur seine Papiere kontrollieren, sondern ihn auch abtasten.

Das massive Auftreten soll beeindrucken. Nach der Ermordung des französischen Bergführers Hervé Gourdel in Algerien und mehreren schweren Pannen von Polizei und Geheimdiensten hat das Vertrauen der Franzosen in den Sicherheitsapparat gelitten. Premier Manuel Valls kündete schon am Rande seines Berlin-Besuchs Anfang der Woche an, seine Regierung werde die Geheimdienste aufrüsten.

Während in Deutschland bewaffnete Soldaten an Flughäfen, in Bahnhöfen und in den Innenstädten kaum vorstellbar sind, haben sich die Franzosen schon lange daran gewöhnt. Seit 36 Jahren gibt es die Aktion „Vigipirate“, von Präsident Valérie Giscard d‘Estaing nach Bombenanschlägen ins Leben gerufen. Mit Maschinenpistolen bewaffnete Fallschirmjäger patrouillieren an neuralgischen Punkten, an denen sich viele Menschen aufhalten, in Paris beispielsweise auf den Champs Elysées oder an den Bahnhöfen. Niemand regt sich darüber auf.

Die Franzosen sind aber auch nicht eingeschüchtert oder verängstigt durch den Terror der Dschihadisten von Da Isch, die sich selber „Islamischer Staat“ nennen. Die vorherrschende Stimmung ist gekennzeichnet durch Empörung, Wut, den Willen, es dieser Bande heimzuzahlen. Wie ein Block stehen auch die Konservativen und die ihnen gewogenen Medien nun hinter der Regierung. „Wir sind im Krieg, nun heißt es zusammenhalten“, liest man in Nice Matin. Aus dieser Stadt an der Côte d’Azur kam der 55-Jährige, den algerische Terroristen im Auftrag von Da Isch vor laufender Kamera ermordeten, um die Franzosen in Angst und Schrecken zu versetzen.

Ihre niederträchtige Rechnung scheint nicht aufzugehen. Statt einzuschüchtern, hat der widerwärtige Mord eine nationale Einheit geschaffen, wie es dem Staatspräsidenten Franҫois Hollande mit seinen Reden nicht gelungen ist. Die Kommunisten haben leichte Vorbehalte gegen die Fortsetzung der militärischen Beteiligung Frankreichs am Kampf gegen Da Isch. Doch nur die rechtsradikale Front National kritisiert die Regierung. Alle anderen politischen Kräfte stützen sie.

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