Frankreich und die Geheimdienste
„Sind dafür da, mit dem Teufel zu essen“

Französische Geheimdienstler bedauern es, dass ihre Regierung nicht mehr mit dem syrischen Nachrichtendienst zusammenarbeitet. Vor dem Hintergrund der Anschläge von Paris fordern sie eine erneute Kooperation.

ParisDie Pariser Anschläge vom 13. November haben die französische Regierung zum Umdenken gezwungen. Sie hat die Luftangriffe auf die Dschihadisten-Miliz Islamischer Staat (IS) in Syrien intensiviert und will massiv in die innere Sicherheit investieren. Auch die französischen Geheimdienste müssen ihr Vorgehen wohl überdenken.

So bedauern frühere französische Spionagechefs, dass ihr Land die Kooperation mit dem syrischen Geheimdienst eingestellt hat. Nun sei Frankreich insbesondere auf Zulieferungen durch den Bundesnachrichtendienst (BND) angewiesen, die das brisante Thema pragmatischer behandelt hätten, kritisieren sie.

Ausgelöst hat die Debatte der frühere Direktor des Inlandsgeheimdienstes, Bernard Squarcini. Dieser berichtete in einem Interview, Agenten des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad hätten ihm vor zwei Jahren, als er bereits aus dem aktiven Dienst ausgeschieden war, „eine Liste der Franzosen, die in Syrien kämpfen“, angeboten. „Aus ideologischen Gründen wurde mir eine Ablehnung auferlegt.“

Damit sei eine gute Gelegenheit verpasst worden, die Beziehungen wiederaufleben zu lassen und „die zwischen unserem Land und Syrien pendelnden Franzosen besser zu identifizieren und zu überwachen“, sagte Squarcini dem rechtsgerichteten Wochenmagazin „Valeurs Actuelles“. Das Ergebnis sei: „Wir verlieren viel Zeit mit der Anfrage bei den deutschen Geheimdiensten, die immer vor Ort geblieben sind, oder auch bei den Kollegen in Jordanien, Russland, USA und Türkei.“

Bei den Pariser Anschlägen waren 130 Menschen von drei Attentäter-Teams getötet worden. Mehrere der Attentäter sollen vor der Bluttat im Bürgerkriegsland Syrien gewesen sein, wo der IS die Kontrolle über weite Gebiete hat. Gegen den IS kämpfen sowohl eine US-geführte Koalition als auch Assads Regierungstruppen zusammen mit dem Verbündeten Russland.

Auch zwei Spionage-Veteranen sprechen sich vor dem Hintergrund der Attentate vom 13. November dafür aus, zur Gefahrenabwehr die Kooperation mit Assads Geheimdiensten wiederaufzunehmen, obwohl die Regierung in Damaskus für hunderttausende Tote verantwortlich sei.

„Die Spezialdienste sind dafür da, mit dem Teufel zu essen. Sonst bräuchte man uns ja nicht“, sagt Alain Chouet, früherer Chef des Spionagedienstes DGSE. Es gehe doch gerade darum, den Staat außen vor zu lassen, wenn mit Regierungsstellen gesprochen werde, „mit denen man nicht unter einer Decke stecken will“. Für die offiziellen Kontakte gebe es ja Diplomaten, erläutert Chouet seine Sicht.

Trotz amtlicher Dementis sei es aber nicht ausgeschlossen, dass es weiter geheime Verbindungen zwischen Paris und Damaskus gegeben habe, sagt der frühere Direktor eines anderen französischen Spionagedienstes, der anonym bleiben will. „Informationsbeschaffung ist ein pragmatisches Metier. Wenn Du den Eindruck hast, ein ausländischer Geheimdienst könnte Dir Nützliches liefern, kannst Du Dich über die offizielle Haltung hinwegsetzen und sagst es einfach niemandem.“

Jedenfalls sei es höchst fahrlässig, „im aktuellen Kontext auf eine Liste der französischen Syrienkämpfer zu pfeifen“, führt der Sachkenner aus. Die politisch Verantwortlichen wollten ohnehin davon gar nichts wissen Deshalb liefen alle Anweisungen nur mündlich. „Ich habe meinen Aufsichtsgremien nie Rechenschaft darüber abgelegt, mit welchen fremden Diensten ich in Kontakt stand, und ich wurde auch nie danach gefragt. Das ist ein ständiger Drahtseilakt.“

Persönliche Beziehungen seien dabei von entscheidender Bedeutung. Schmunzelnd berichtet der Experte, dass der amtierende DGSE-Direktor Bernard Bajolet 1978 als Diplomat in Algier den heutigen Staatschef François Hollande acht Monate lang als Praktikanten betreute.

Auch Bajolets Vorgänger Chouet kritisiert die Zurückweisung der angebotenen Liste, „wenn die Geschichte der Wahrheit entspricht“. Es sei nicht im Interesse „der französischen Republik, die Brücken komplett abzubrechen“. Er wisse zwar nicht, ob dieses Dokument für die Anschläge vom 13. November Bedeutung hatte. „Aber wenn man sich ziert, hat man auch nichts in der Hand.“

afp 
AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur
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