Frankreich und die Regionalsprachen-Charta
„Buschur, wie geht’s?“

Elsässisch, okzitanisch, baskisch: In Frankreich werden mehr als 70 Regionalsprachen gepflegt. Präsident Hollande will dieses kulturelle Erbe fördern. Doch er stößt auf Widerstand. Kritiker fürchten das Ende der Republik.
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ParisMit 23 Jahren Verspätung will Frankreich jetzt die Europäische Charta der Regionalsprachen des Europarates ratifizieren. Dafür will Staatspräsident François Hollande die Verfassung ändern. Hollande löst damit ein Wahlversprechen ein. Elsässisch, Bretonisch, Okzitanisch, Katalanisch, Baskisch und rund 70 andere Regional- oder Minderheitssprachen würden künftig kulturellen Schutz genießen. Statt „Bonjour, comment allez-vous?“ heißt es dann „Buschur, wie geht’s?“, „Adieussiatz, va plan?“ in Südfrankreich und „Penaos 'mañ ar bed ganeoc'h?“ in der Bretagne.

Was in anderen Ländern längst selbstverständliche regionale Besonderheit ist, sorgt in Frankreich immer noch für politische Konflikte. Auf Zentralismus bedachte, jakobinische Hitzköpfe greifen Hollande wegen seines Sprachen-Zugeständnisses übel an: „Hollande ist kein Republikaner, er macht sich für Parallelgesellschaften stark“, warf ihm schon im Wahlkampf mit überschnappenden Synapsen Nicolas Sarkozys damaliger Redenschreiber vor. Doch auch auf der extremen Linken kochen die Emotionen hoch: „Das ist eine neue Aggression gegen die Einheit und Unteilbarkeit der Republik“, ereiferte sich vor zwei Wochen Jean-Luc Mélenchon, der Chef der Linkspartei.

Die absurde Logik der Zentralisten: Wer eine Regionalsprache reden dürfe, werde anderen gegenüber privilegiert und bedrohe das Französische – und damit die Einheit der Republik. Ein Akt kultureller Toleranz wird in dieser verdrehten Logik zur Aggression. Dabei ist auch die Wirklichkeit schon längst viel weiter.

In der Bretagne, im französischen Baskenland, im französischen Teil Kataloniens beispielsweise sind Straßenschilder zweisprachig und es gibt bilinguale Schulen. Das geht auf aktive Bürgerbewegungen zurück, die sich für die baskischen „Ikastolas“, oder die bretonischen „Diwan“ einsetzen: Schulen, in denen die Minderheitensprachen gelehrt werden.

Ziel der Charta, die schon im Dezember 1992 beschlossen wurde, ist es, den Gebrauch der Regionalsprachen im Bildungssystem, in den Medien, in Justiz und Verwaltung und im Kulturbetrieb zu fördern. Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, dass Minderheitsprachen ein Teil des europäischen kulturellen Erbes sind.

Mit ihrem drohenden Verschwinden würde der Kontinent ein wenig ärmer. Die Charta zielt allein auf die Sprache. Sie sichert nicht den Personen, die sie sprechen, besondere Rechte und versucht auch nicht, regionale Unabhängigkeitsbewegungen zu stärken.

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