Zum Frankreich Wahl 2017 Special von Handelsblatt Online

Hackerangriff vor Stichwahl
„Macron muss die Hosen runterlassen“

Vor dem Finale der Frankreichwahl sorgt ein Hackerangriff für Aufregung. Wie sich das Datenleck auf das Ergebnis am Sonntag auswirkt, ist schwer abzusehen. Macron muss aber in jedem Fall mit Spätfolgen rechnen.
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ParisIm französischen Präsidentschaftswahlkampf hatte man angesichts der Erfahrungen aus den USA mit Schlimmerem gerechnet: Gezielte Falschmeldungen, Hackerangriffe, Verleumdung der Kandidaten über die sozialen Netzwerke. Die Realität war noch übler als befürchtet: Bis zum letzten Tag vor der Wahl haben rechtsextreme Kreise und Russland nahestehende Medien versucht, die wichtigste Entscheidung der französischen Republik mit Fake News in eine ihnen genehme Richtung zu lenken.

Die Angriffe richten sich fast ausschließlich gegen Emmanuel Macron. Der wurde als von den USA bezahlter Bankenlobbyist oder Mann mit einem Doppelleben diffamiert. Kein Wunder: Der 39-Jährige ist der entschiedenste Verfechter der europäischen Einigung. Und die möchten sowohl die Rechtsextremen als auch Putin gerne beenden.

Frédéric Dabi vom Meinungsforschungsinstitut ifop relativierte am Samstag die Bedeutung des Hackerangriffs auf die Wahlkampfzentrale von Emmanuel Macron. „Ich glaube nicht eine Sekunde daran, dass dieser Datenklau die Wahl beeinflussen wird“, sagte Dabi bei einer Veranstaltung in Paris. Man habe Ähnliches nach dem Mordanschlag auf einen Polizisten auf dem Champs Elysees vor dem ersten Wahlgang erwartet, „doch auch da gab es keine Wirkung, allenfalls bei vier Prozent der Wahlbevölkerung konnte man einen minimalen Einfluss feststellen“, sagt der Demoskop. Dabi zufolge könnte Macron am Sonntag mit einem Stimmenanteil von 63 Prozent rechnen. Allerdings sind in diese Erhebung noch nicht die möglichen Folgen des Hackerangriffs eingegangen.

Vertreter von Emmanuel Macron und Marine Le Pen äußerten sich ähnlich. Die Senatorin Barza Khiari von „En Marche!“ sagte, sie wisse noch nicht im Einzelnen, welche Dokumente entwendet worden seien. Man habe sie lediglich aufgefordert, ihren E-Mail-Zugang und ihre Passwörter zu verändern Sie erwarte keine Auswirkung mehr auf die Wahl am Sonntag.

Der Programmchef von Marine Le Pen, Jean Messiha, gab eine ähnliche Einschätzung ab. Allerdings ließ er anklingen, dass man mit solchen Angriffen leben müsse und man den Inhalt der geleakten Daten nicht als erfunden abtun dürfe. „Macrons Leute von En Marche haben sich schon mehrfach über angebliche Attacken beklagt, die sind Spezialisten dafür geworden.“

Gleichzeitig beschimpften sie aber „ihre Gegner als Faschisten, Nazis und Rechtsextreme.“ Zum jetzigen Zeitpunkt könne „niemand sagen, dass die Informationen gefälscht sind.“ Die Menschen hätten kein Vertrauen mehr, „sie stellen sich Fragen, Macron, kandidiert für das höchste Staatsamt, da muss man die Hosen runterlassen.“ Auf die Frage, warum Le Pen nicht von gehackten Dokumenten betroffen sei, sagte Messiha: „Sie greift niemanden an, der Fragen stellt, das ist der Unterschied.“

In Wirklichkeit haben sich zahlreiche französische Medien über Zensurversuche und Einschüchterung durch den Front National beklagt. Es häufen sich die Fälle, in denen der FN unliebsame Berichterstatter ausschließt. Dem Handelsblatt-Korrespondenten in Paris wurde die Akkreditierung zu Le Pens Wahlabend in einer großen Location in Paris-Vincennes verweigert: Begründung: „Wir haben Platzmangel.“

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  • Dieser Hackerpest - insbesondere im Bereich der Politik - wird wohl mit der zur Verfügung stehenden Sicherheitsinfrastruktur nicht beizukommen sein.

    Wäre daher m.E. sinnvoller, ihr den Nährboden zu entziehen, indem man „Whistleblower“ schützt.

    Vorausgesetzt, diese handeln tatsächlich uneigennützig (zumindest überwiegend), d.h., im allgemeinen Interesse.

    Wäre natürlich schöner, wenn dies alles (der Schutz vor Hackern und der von Whistleblowern) gar nicht erst nötig wäre. Leider (hoffentlich: noch) Wunschdenken.

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