Zum Frankreich Wahl 2017 Special von Handelsblatt Online

Marine Le Pen

Vom Schatten des Vaters verfolgt

Die Rechtsextreme Marine Le Pen würde die Bezeichnung „Totengräberin der EU“ als Kompliment auffassen. Frankreich müsse sich aus dem „europäischen Gefängnis“ befreien, sagt sie. Ein Porträt.
Kommentieren
Die Chefin des rechtsextremen Front National tritt bei den französischen Präsidentschaftswahlen an. Quelle: AP
Marine Le Pen

Die Chefin des rechtsextremen Front National tritt bei den französischen Präsidentschaftswahlen an.

(Foto: AP)

ParisGerne möchte sie die EU beerdigen: Die Rechtsextreme Marine Le Pen will Frankreichs Präsidentin werden und mit einem Austritt des Landes das Ende der EU einläuten. Die 48-Jährige hat keine Skrupel, zur Totengräberin der Europäischen Union zu werden - „Ja“, sie würde diesen Titel sogar als Kompliment auffassen, bekennt sie im TV-Interview. Le Pen liebt martialische Bilder und drückt so aus, was sie vom Euro hält. Er sei wie ein Messer, das den Franzosen „in die Rippen gerammt“ worden sei, hämmert die Chefin des rechtsextremen Front National (FN) ihren Anhängern mit ihrer markanten rauen Stimme ein.

Die Währung sei nach den Vorstellungen Deutschlands gestaltet. Sie passe nicht zu Frankreich, das sie in einem europäischen „Gefängnis“ wähnt. Eine Volksabstimmung soll nach ihrem Wahlsieg den Weg aus der Gefangenschaft weisen. „Im Namen des Volkes – Marine 2017“ heißt der Slogan, mit dem die Tochter des FN-Gründers Jean-Marie Le Pen bei den Franzosen um Vertrauen für ihr anti-europäisches Projekt wirbt.

Auch wenn sich die in Neuilly-sur-Seine bei Paris geborene Juristin gerne als Frau aus dem Volk stilisiert, ist ihre Herkunft doch eher großbürgerlich. Sie wuchs im Pariser Nobelvorort St. Cloud auf. Mit ihrem greisen Vater hat sich die zweifach geschiedene resolute Endvierzigerin mittlerweile überworfen. Der hatte die Gaskammern der Nazis im Zweiten Weltkrieg wiederholt als „Detail der Geschichte“ bezeichnet. Seine Tochter, die den FN bereits seit Jahren führt, distanzierte sich. Die Entfremdung vom Vater spielt wohl eine Rolle dabei, dass der Nachname bei den Wahlkampfauftritten Marine Le Pens praktisch getilgt wurde. In einem Wortspiel mit ihrem Vornamen firmiert sie nun als Anführerin einer „marineblauen Bewegung“.

Doch der lange Schatten des raubeinigen FN-Gründers lässt sich nie ganz abschütteln, wie sie in ihrer Biografie bekennt. Ihr Vater habe ihr und ihren Schwestern bereits früh eingebläut: „Ihr Mädchen seid euer ganzes Leben lang eine Le Pen. Das wird nicht einfach sein, stellt euch schon mal darauf ein.“ Die Mahnung sollte zur Prophezeiung werden, denn 1976 wurde das Domizil der Le Pens Ziel eines Bombenanschlags. Die Familie überlebte, und die rechtsradikale Bewegung bestand weiter. Jean-Marie Le Pen gelangte 2002 sogar in die Stichwahl um die Präsidentschaft, unterlag jedoch dem Konservativen Jacques Chirac deutlich. Nun will die Tochter den Vater übertrumpfen, auch wenn ihr in Umfragen ebenfalls eine Niederlage in der entscheidenden zweiten Runde vorhersagt wird. Die stilisierte blaue Rose in der FN-Wahlkampagne steht für ihr ambitioniertes Ziel: das Unmögliche möglich zu machen.

Das wollen Le Pen, Fillon, Macron & Co.
Wahlen in Frankreich
1 von 6

Wenn die Franzosen in einem Monat an die Wahlurnen gehen, steht viel auf dem Spiel. Die hohen Umfragewerte für die EU-feindliche Rechtspopulistin Marine Le Pen machen die Präsidentschaftswahl zu einer Abstimmung über Frankreichs Platz in Europa. Viele Menschen sind enttäuscht von den als gescheitert wahrgenommenen Amtszeiten des Konservativen Nicolas Sarkozy und des Sozialisten François Hollande. Und das ist nicht nur ein Gefühl: Frankreichs Wirtschaft kommt einfach nicht in die Gänge und die Situation am Arbeitsmarkt ist nach wie vor dramatisch. Fünf der insgesamt elf Kandidaten für das Präsidentenamt debattierten zu Wochenbeginn im Sender TF 1. Ihre zentralen Aussagen im Überblick:

Francois Fillon
2 von 6

Francois Fillon, der 63-jährige Kandidat der konservativen Republikaner, will Frankreich eine Rosskur verordnen, um das Land wirtschaftlich wieder fit zu machen. Die Regelarbeitszeit von 35 Stunden in der Woche soll fallen, das gesetzliche Rentenalter will Fillon bis 2022 auf 65 Jahre anheben. „Ich werde der Präsident der nationalen Sanierung sein“, sagte er in der TV-Debatte. Nach seinen Plänen sollen im öffentlichen Dienst 500.000 Jobs wegfallen. Die legale Einwanderung will der Konservative auf das strikte Minimum begrenzen, den Familiennachzug erschweren. Fillon steht wegen einer Affäre um die Beschäftigung seiner Frau in der Kritik.

Benoit Hamon
3 von 6

Benoit Hamon, 49-jähriger Spitzenkandidat der regierenden Sozialisten, will als einziger Präsidentschaftsbewerber ein Grundeinkommen einführen. In einer ersten Stufe sollten junge Menschen und Arbeitnehmer mit sehr geringem Einkommen mit 600 Euro monatlich profitieren. Kritik an hohen Kosten wies der zum linken Flügel der Parti Socialiste (PS) gehörende Ex-Minister bisher zurück. Er tritt auch dafür ein, Bankengewinne zusätzlich zu besteuern und bei öffentlichen Aufträgen einen Anteil von 50 Prozent für französische Unternehmen zu reservieren. Davon sollen vor allem Mittelständler profitieren. In der Flüchtlingspolitik strebt er ein europäisches „humanitäres Visum“ an.

Jean-Luc Melenchon
4 von 6

Der Chef der Bewegung La France insoumise kritisiert Europa. Jean-Luc Melenchon will über die europäischen Verträge verhandeln und über das Resultat in einem Referendum abstimmen lassen. Das Verteidigungsbündnis Nato will er verlassen, „um nicht mehr in Kriege verwickelt zu werden, die wir nicht kontrollieren“. Der 65 Jahre alte Linkspolitiker will auch ein Umwelt-Präsident sein und plädiert deshalb für den Ausstieg aus der Atomenergie.

Marine Le Pen
5 von 6

Marine Le Pen, die Rechtspopulistin von der Front National (FN), ist eine leidenschaftliche EU-Gegnerin. Sie will die Franzosen über den Verbleib in der Union abstimmen lassen. Außerdem soll Frankreich den Euro abschaffen und das Schengen-Abkommen für das Reisen ohne Grenzkontrollen verlassen. Sie pocht auf nationale Unabhängigkeit - sie wolle nicht „Vizekanzlerin von Frau Merkel“ sein, sagte Le Pen in der Debatte. Die 48-jährige Chefin der FN sieht sich nach dem angekündigten Brexit der Briten und der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten im Aufwind. „Ich will die Einwanderung stoppen“, lautet eine ihrer Devisen.

Emmanuel Macron
6 von 6

Emmanuel Macron, früherer Wirtschaftsminister von Präsident François Hollande, will das Rechts-Links-Schema durchbrechen und tritt als unabhängiger Kandidat an. Der 39-jährige Chef der Bewegung En Marche! setzt auf Europa und damit eine Partnerschaft mit Deutschland. Er will als Präsident im öffentlichen Dienst 120.000 Stellen streichen. Laut Denkfabrik iFrap ist sein Wirtschaftsprogramm ausgeglichener als das von Fillon. Allerdings würde Schuldensünder Frankreich unter Macron 2022 immer noch ein Defizit von 0,7 Prozent der Wirtschaftsleistung haben.

Dabei greift die Rechtsextreme auch gerne zum Weichzeichner, um ihr Hardliner-Image in milderem Licht erscheinen zu lassen. So präsentiert sie sich in einem Video im Spiel mit ihren Hauskatzen als Tierschützerin. Die Politikerin mit einer Vorliebe für E-Zigaretten ist sichtlich bemüht, den FN salonfähig zu machen. Doch sie kann sich auch in Rage reden – zum Beispiel, wenn es um Ausländer geht. Nur noch maximal 10.000 Einwanderer pro Jahr sollen ins Land gelassen werden. Wer illegal eingereist ist, soll keine Grundversorgung durch das Gesundheitswesen erhalten. Zudem will sie alle Moscheen schließen, die im Verdacht stehen, mit dem radikalen Islam in Verbindung zu stehen.

Aufsehen erregte Le Pen jüngst im Libanon mit der Weigerung, zu einem Gespräch mit einem islamischen Geistlichen mit Kopftuch zu erscheinen. Um ihr internationales Profil zu schärfen, reiste sie unlängst auch nach Moskau und wurde von Präsident Wladimir Putin empfangen. Sie erhalte keine finanzielle Unterstützung von Russland oder einem russischen Finanzinstitut, betonte Le Pen. Für sie gebe es aber keine Alternative als im Ausland Geldgeber zu suchen. „Was bleibt mir übrig? Die französischen Banken haben allen Präsidentschaftskandidaten Kredite gewährt – außer mir.“ Dass sie als Investorenschreck gilt, ficht sie nicht an. Auch ihr Wahlsieg würde keine Kapitalflucht auslösen, sagt sie im Fernsehen. „Es ist soviel Liquidität in der Welt, dass sie ihre Einsätze nicht aus Frankreich abziehen werden.“

  • rtr
Startseite

Mehr zu: Marine Le Pen - Vom Schatten des Vaters verfolgt

0 Kommentare zu "Marine Le Pen : Vom Schatten des Vaters verfolgt"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%