Frankreichs Präsident
Sarkozy, der talentierte Selbstzerstörer

Nicolas Sarkozy würde seine Amtszeit gerne verlängern. Doch die Chancen des französischen Staatschefs für die Wiederwahl schwinden. Ein äußerst talentierter Politiker könnte an den eigenen Widersprüchen scheitern.
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ParisFrankreich wird möglicherweise bald einen energiegeladenen Endfünfziger zwangsweise in Rente schicken, der gerne noch fünf Jahre länger seinen Stressjob ausüben würde: den Staatspräsidenten. Nicolas Sarkozy kommt trotz aller Anstrengungen nicht an seinen Herausforderer Francois Hollande von den Sozialisten heran. Sogar viele Abgeordnete seiner eigenen Partei, der UMP, glauben nicht mehr an seinen Sieg. Dass Sarkozy auf schlechten Umfragewerten im niedrigen Zwanzigerrang klebt, hat wenig mit entscheidenden politischen Fehlern zu tun und noch viel weniger mit den Qualitäten seines Gegenspielers. Sarkozy droht daran zu scheitern, dass eine sehr große Zahl von Franzosen ihn einfach satt hat.

Das werden viele Deutsche unmittelbar nachvollziehen können. Den Deutschen wurde der Dynamiker nie sympathisch. Er wurde schnell nach dem Wahlsieg 2007 als zappeliger Mini-Napoleon abgestempelt. Dabei haben die allermeisten Bundesbürger ihn nie erlebt. Sie wissen nicht, dass sie ihm durchaus dankbar sein können. Aus mindestens drei Gründen: Vor der Wahl 2007 ging er ein hohes politisches Risiko ein und legte sich darauf fest, kein Referendum über den auf die gescheiterte Verfassung folgenden neuen EU-Vertrag abzuhalten. Seine sozialistische Gegenspielerin Ségolène Royale ging den einfachen Weg und versprach ein Referendum, das möglicherweise erneut gescheitert und die EU in eine Totalblockade gestürzt hätte. 

Zweiter Grund: Nach Ausbruch der Finanzkrise 2008/09 war es seiner Initiative zu verdanken, dass die EU wenigstens halbwegs geschlossen auf den Zusammenbruch der Finanzmärkte reagierte. Und drittens: Nach dem deutschen Nein zum Libyen-Einsatz war die Bundesrepublik international völlig isoliert. Sarkozy kostete den Erfolg seiner Politik pro Intervention nicht aus, sondern setzte alles daran, die Bundesrepublik sofort wieder in den Kreis der Alliierten zu holen.

In Deutschland alles unbekannt, was erklären mag, dass Sarkozys Seite des überlegt und verantwortungsbewusst handelnden Politikers den Deutschen verborgen geblieben ist.

Was aber erklärt die Abneigung der Franzosen gegen ihn? Er gilt als der unbeliebteste Staatspräsident seit Gründung der 5. Republik im Jahr 1958. Seit Jahren werden dafür immer wieder dieselben Gründe bemüht. Einer ist seine mangelnde Selbstkontrolle. Als Beweis gilt eine –zigmal wiederholte Szene, die sich vor vier Jahren auf der Landwirtschaftsausstellung zutrug: Ein Besucher drängt sich an Sarkozy heran, der will ihm die Hand schütteln, doch der Besucher wehrt ab: „Fass mich nicht an, du beschmutzt mich.“ Darauf Sarko: „Dann hau ab, Du Arsch!“ Das war unflätig. Doch muss man einem Politiker zubilligen, dass er nicht jeden Anwurf mit Engelsgeduld erträgt. Als Helmut Kohl 1991 in Halle mit Eiern beworfen wurde, stürmte er wie ein zorniger Elefantenbulle auf den Werfer los – Deutschlands Intellektuelle fanden das schrecklich peinlich. Viele Bürger aber konnten Kohl spontaner Wut einiges abgewinnen: einer, der sich nicht hinter den Sicherheitsleuten verkriecht, sondern zurückschlägt.

Kommentare zu " Frankreichs Präsident: Sarkozy, der talentierte Selbstzerstörer"

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  • Gute Idee - ein Profil der Europavernichterin, die ein Journalist in DIE WELT vom letzten Samstag (03.03.12) in einer sehr gründlichen, politischen Analyse als neue Figur ala Karl V. bezeichnete, weil AM zwischen Paris und Warschau ja weiter gereicht noch, erfolgreich taktisch agiere. Der Journalist lobte letztlich auch Merkels Rückzug bei Gauck gegenüber dem deutschen Politkasper (Sarkozy französisches Pentant) der Partei der Freien-Drei-Prozent. Für Ihre Idee wäre sicherlich auch wichtig, ob ein Mann oder eine Frau die Analyse liefern soll.

  • Liebes Handelsblatt, koennen Sie uns bitte auch so eine interessante Persoenlichleitsanalyse fur unsere Kanzlerin liefern?

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