Frankreichs Wirtschaft
Wachstumsschub mit Bremse

Die Franzosen kaufen wieder mehr, ihre Insdustrieunternehmen produzieren mehr, die Regierung feiert ihre Konjunkturpolitik: Doch trotz der überraschend guten Zahlen bleiben Paris zwei große Probleme.
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ParisFrankreichs Wirtschaft ist im ersten Quartal 2015 überraschend stark um 0,6 Prozent gewachsen, hat das nationale Statistikamt Insee am Mittwoch mitgeteilt. Erwartet wurden lediglich 0,4 Prozent. Die starke Industrieproduktion, vor allem Güter für den Transportsektor, die um 1,3 Prozent zugelegt hat, und die Konsumnachfrage der privaten Haushalte, die um 0,8 Prozent gestiegen ist, sind die wichtigsten treibenden Kräfte. Im vergangenen Jahr hatte die Wirtschaft stagniert (plus 0,2 Prozent).

Die Regierung hat den Haushalt 2015 auf einer Wachstumsprognose von ein Prozent basiert. Finanzminister Michel Sapin hat am Mittwochmorgen sofort auf die gute Nachricht reagiert und den Wachstumsschub auf die Wirkungen des niedrigen Ölpreises und auf die Reformen der Regierung zurückgeführt. Die hätten die Kaufkraft und das Vertrauen der Haushalte gestärkt. Für 2015 erwarte er jetzt ein Wachstum von mehr als einem Prozent.

Allerdings sind die Zahlen nicht rundum positiv. Die Ausfuhren nahmen weniger stark zu als im Vorquartal. Da die Importe aber gut laufen, war der Außenbeitrag, also der Saldo von Aus- und Einfuhren, negativ. Das bestätigen auch die Werte der Banque de France für die Zahlungsbilanz im März, die ebenfalls am Mittwochmorgen veröffentlicht wurden: Das Defizit im Warenaustausch nahm leicht zu.

Die Investitionen waren laut Insee im ersten Vierteljahr erneut rückläufig, sie nahmen um 0,2 Prozent ab. Auch das ist ein Zeichen dafür, dass die Unternehmen der Entwicklung noch nicht trauen und ihre Entscheidungen über eine notwendige Modernisierung der Anlagen aufschieben.

Auch die Arbeitslosigkeit ist in den ersten Monaten des Jahres weiter gestiegen. Sapin räumt denn auch ein, dass noch viel zu tun sei: „Ein Plus von 0,6 Prozent in einem Quartal ist gut, aber wir brauchen noch viele gute Quartale, damit die Arbeitslosigkeit zurück geht.“

Frankreich steht derzeit in einer intensiven Debatte mit der EU-Kommission über sein Reformprogramm. Die Brüsseler Behörde wünscht entschiedenere Veränderungen vor allem am Arbeitsmarkt.

Die unerwartet gute Wachstumszahl stärkt der französischen Regierung in der laufenden Auseinandersetzung zwar den Rücken, doch die Details zeigen zugleich, dass die Reformen noch nicht ausreichen – ein echter Stimmungsumschwung bei den Unternehmen ist noch nicht gelungen.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris

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