Französischer Präsidentschaftskandidat Fillons Etappensieg

Politisches Kabarett wie in Deutschland kannte Frankreich bislang nicht. Seit Montag ist das anders: Da kam die Partei „Die Republikaner“ zusammen, um ihren Kandidaten abzusetzen – und sprach ihm stattdessen das Vertrauen aus.
1 Kommentar
Der umstrittene Konservative ist wild entschlossen, an seiner Kandidatur für das Amt des französischen Staatspräsidenten festzuhalten. Quelle: AP
François Fillon bei einer Kundgebung in Paris

Der umstrittene Konservative ist wild entschlossen, an seiner Kandidatur für das Amt des französischen Staatspräsidenten festzuhalten.

(Foto: AP)

ParisWas sich Anfang der Woche im Vorstand der konservativen Partei „Die Republikaner“ in Paris abgespielt hat, würde den Auftritt jedes Kabarettisten schmücken. Zur Erinnerung: Ende vergangener Woche distanziert sich ein großer Teil der Führungsspitze der von ihrem Präsidentschaftskandidaten François Fillon. Die Wirkungen des Skandals um fiktive Jobs und seine Beleidung der Justiz halten sie für unerträglich. Dann brach Fillon auch noch sein Wort und trat nicht wie versprochen nach der Eröffnung eines juristischen Verfahrens durch drei Ermittlungsrichter zurück. Mehrere hundert Abgeordnete und Fillon-Mitarbeiter forderten ihn auf, den Platz des Kandidaten freizugeben.

Fillon antwortete, indem er seine Anhänger zu einer Demonstration in Paris aufrief. Am Sonntag kamen mehrere zehntausend Fillon- Begeisterte zusammen, woraufhin der Ex-Premier triumphierend feststellte: „Niemand kann mich dazu bewegen, auf die Kandidatur zu verzichten.“

Montagabend traten dann die Vorstandsmitglieder der Republikaner zusammen. Einziger Tagesordnungspunkt: Der Versuch, Fillon einen ehrenvollen Rücktritt zu ermöglichen. Ergebnis der Sitzung: Ein kurzes Kommuniqué, in dem festgehalten wird, dass sich der Vorstand „einstimmig hinter Fillon und seine Kandidatur stellt.“ 

Was die Franzosen vom Präsidenten erwarten
Jean-Loup Tiesset, 54, Restaurant-Besitzer in Calais
1 von 12

„Mein erster Wunsch ist, dass der nächste Präsident sein Amt nutzt, um die Steuern auf Unternehmen zu ändern, vor allem unsere Sozialversicherungsgebühren. Was die Migrantenkrise angeht, die für die Anwohner in Calais reichlich menschliche, soziale und finanzielle Schwierigkeiten verursacht hat, sollte der Präsident in Kontakt mit den Nachbarländern treten, um sicherzustellen, dass sich die Menschen in Calais nicht mehr länger in der Situation befinden, in der sie sich seit zehn Jahren befinden. Es ist nicht richtig, dass britische Einwanderungsüberprüfungen auf unserem Boden stattfinden. Es ist die Aufgabe Englands, die Migranten willkommen zu heißen und den Migrantenfluss zu bewältigen, den das Land anzieht.“

Mouslimati Boina-Mze, 24, sie holt in Marseille ihren Schulabschluss nach
2 von 12

„Was ich vom neuen Präsidenten erwarte ist, dass er jungen Leuten hilft, leichter Arbeit zu finden. Es ist hart, es ist wirklich so. Selbst wenn du die Schule mit einem Abschluss verlässt, kannst du heute nur einen Job finden, der entweder schlecht bezahlt oder demotivierend ist. Ein Job ist das Wichtigste – um die Rechnungen zu bezahlen, auch um unabhängig zu sein und um morgens für den Job aufstehen zu wollen. Was der neue Präsident tun muss, ist die Informationen für junge Menschen zu verbessern. Viele Menschen wissen nicht einmal, dass es lokale Ausbildungszentren für sie gibt. Sie hören einfach mit allem auf, das ist eine Schande.“

Jean-Yves Tanguy, 60, produziert Streichinstrumente in Caen
3 von 12

„Ich hoffe, dass er die Bedeutung der Kultur in der vom Markt und vom Zynismus der Finanzbranche dominierten Welt erkennt. Denn die Kultur erlaubt es uns, die Menschheit auf eine höhere Ebene zu heben. Ich möchte, dass er den Gebrauch der Musik kollektiv entwickelt, weil das so ein fabelhaftes Werkzeug zur Integration ist. Wer Musik macht, findet Würde und eine Existenzberechtigung in der Gesellschaft. Ich möchte, dass er seine Macht für das Gute der Gerechtigkeit, einschließlich der sozialen Gerechtigkeit, einsetzt. Und ich möchte, dass er Segregation, Ausgrenzung und Hass mit all seiner Macht bekämpft. Außerdem erwarte ich, dass er ein gewisses Auftreten hat, eine bestimmte Würde und, dass er sich für Werte und eine bestimmte Art von Gesellschaft einsetzt. Ich will einen Präsidenten, für den Worte wichtiger sind als Zahlen. Zahlen sind wichtig, aber sie sind sehr technisch.“

Marie Rouffet, 47, Fischerin im Hafen von Le Guilvinec
4 von 12

„Ich habe keine Erwartungen mehr, wir kommen einfach von Enttäuschung zu Enttäuschung. Es ist egal, ob sie aus dem rechten Flügel, dem linken Flügel oder aus dem Zentrum kommen, ob von der Seite, von oben oder von unten. Es gibt diesen faulen Kern und je höher du die Leiter der Macht nach oben gehst, desto korrupter bist du und desto mehr Geld hast du. Was dazu kommt: Die Leute, die unsere Gesetze ausspucken, wissen nichts über Boote oder über Fische. Sie sind wahrscheinlich noch nie auf der See gewesen. Deshalb interessiert mich die Präsidentschaftswahlkampagne nicht. Wie alle meine anderen Fischer-Kollegen interessiere ich mich nur für Fischerei-Kampagnen. Für mich ist es egal, wer Präsident ist. Nichts wird mich davon abhalten in einer Industrie zu fischen, die noch eine Zukunft hat.“

Romain Guérineau, 31, Feuerwehrmann in Saint-Cyr-sur-Loire
5 von 12

„Ich möchte, dass der Präsident das Gesetz zur Verbesserung der Barrierefreiheit für behinderte Menschen umsetzt, das 2005 beschlossen, aber immer noch nicht angewandt wurde. Genau so wie die Einführung einer besseren Kostenerstattung für behinderte Menschen. Ein Rollstuhl kostet 5000 Euro, aber nur 558 Euro davon werden erstattet. Ich möchte Politiker einladen, eine Woche in einem 500 Euro teuren Rollstuhl zu verbringen. Vom nächsten Präsidenten erwarte ich eine Politik, die sozial basiert ist, aber nicht nur aus Reklamezetteln besteht. Er sollte über Vorwürfe hinausgehen, sich an seine Wahlkampfversprechen halten und den Leuten auch nach der Wahl noch zugänglich bleiben.“

Sabine Tholoniat, 33, Landwirtin im Departement Puy de Dôme
6 von 12

„Ich möchte, dass der Präsident die Fragen der Landwirtschaft anpackt und die Produzenten bis zum Ende verteidigt. Ich möchte, dass er oder sie dafür sorgt, dass staatlich betriebene Kantinen auch französische Produkte verwenden. Die Dinge verbessern sich, aber nicht schnell genug. Wir wollen nicht von Subventionen leben, wir wollen faire Preise. Im Jahr 2016 haben wir 27 Cent für einen Liter Milch bekommen, während die Kunden in den großen Supermärkten etwa 60 Cent bezahlt haben. Wir wollen auch, dass der nächste Präsident dafür kämpft, dass die Standards auf europäischer Ebene angeglichen werden. Im Moment sind die Vorgaben in Frankreich drastischer als im Rest der EU, sie ersticken uns.“

Nathalie Niort, 39, Krankenschwester in Puy-de-Dome
7 von 12

„Ich wünsche mir, dass er den Niedergang im Krankenhaus stoppt. Wir sind am Rande eine Katastrophe, wir können mit dem Ausverkauf der Gesundheit nicht einfach weitermachen. Wir müssen die Personalkürzungen stoppen. Wir haben nicht genug Personal. Wenn alles gut läuft, ist es ok, aber wenn du alleine bist und dich um mehrere Patienten kümmern musst, die wiederbelebt werden müssen - für wen entscheidest du dich dann? Wir sind am Rande einer institutionellen Misshandlung. Wir machen Behandlungen am laufenden Band. Wir sind am Ende unserer Kräfte und wir versuchen, keine Fehler bei der Dosierung zu machen. Wenn wir nach Hause gehen, haben wir das Gefühl, dass wir uns nicht richtig um unsere Patienten gekümmert haben. Es ist sehr schwer so zu leben. Wir gefährden die Patienten und die Pfleger.“

Selten haben gestandene Politiker sich so zum Gespött gemacht. Die Überlegung, Fillon möge sich doch bitte selbst aus dem Rennen nehmen, war von Anfang an naiv und illusorisch. Der Mann, dem die französische Justiz vorwirft, seinen Familienangehörigen mit einer Scheinbeschäftigung durch das Parlament Einnahmen von rund einer Millionen Euro verschafft zu haben, hat nicht mehr viel zu verlieren. Gibt er jetzt auf, ist seine politische Karriere am Ende. Da kann er auch das praktisch Unmögliche versuchen und mit dem Kopf durch die Wand gehen. Sprich: gegen den Willen eines großen Teiles der Parteimitglieder und trotz des Widerwillens von Millionen Franzosen an der Wahl teilnehmen.

Fillon hatte offenbar frühzeitig erkannt, dass er ungeachtet seiner Verfehlungen rein durch wilde Entschlossenheit seinen Gegnern überlegen war. Die konnten sich in den vergangenen Wochen weder auf einen gemeinsamen Gegenkandidaten einigen, noch hatte eines der politischen Schwergewichte der Partei den Mut, Fillon in aller Öffentlichkeit laut und deutlich zu sagen, dass ein Mann, gegen den die Justiz ermittelt, der Richter beschimpft und der mehrfach vor laufenden Kameras die Unwahrheit gesagt hat, nicht Kandidat einer Partei sein kann, die sich als Garant der Institutionen der französischen Republik sieht.

Lange war der frühere Premierminister und heutige Bürgermeister von Bordeaux, Alain Juppé, als Ersatzkandidat im Spiel. Ende vergangener Woche ließ Juppé seine Vertrauten streuen, dass er zur Verfügung stehe, falls Fillon freiwillig zurücktrete – eine Bedingung, von der er selber hätte wissen können, dass sie nicht in Erfüllung gehen würde. Am Montagvormittag zog Juppé die Konsequenzen und erklärte, dass er „auf keinen Fall als Kandidat zur Verfügung steht.“

Der frühere Staatspräsident Nicolas Sarkozy, von vielen Republikanern immer noch als Übervater der Partei verehrt, versuchte mit allerlei Gesprächen im Hintergrund, Fillon aufs Abstellgleis zu schieben. Doch der bewegte sich einfach nicht von der Stelle. Seine Gegner hätten es wissen können, kreideten sie ihm schließlich – anonym – an: „Der hat sich in seinem Bunker verschanzt.“ Ein Wortführer von Sarkozy, der ebenfalls seinen Namen nicht in der Presse sehen will, wurde grob: „Das ist ein Irrer, den bekommen wir nur mit dem Sondereinsatzkommando der Gendarmerie aus seinem Bunker heraus.“

Eine Drohung, die Bände spricht
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

1 Kommentar zu "Französischer Präsidentschaftskandidat: Fillons Etappensieg"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Das ist ein sehr gutes Ergebnis für Frankreich und Europa. Fillon steht für eine wirtschaftsliberale Politik. Es besteht eine kleine Hoffnung dass er Frankreich aus der aktuellen, sozialistischen Stagnation holt. Eine sinnvolle Einwanderungspolitik, ein Abschied von dem von den französischen Grünen verfolgten Zurückdrängen der zukunftsträchtigen Kernenergie und eine kooperative Europapolitik wären für Europa ideal.

    Seitens des Merkel Politiksystems und der zugehörigen Qualitätsmedien wird der Sozialist Macron stark favorisiert. Der Autor hat dem Artikel gleich sein Bild beigefügt. Grund, dieser hat öffentlich Fr. Merkels Einwanderungs-/Umvolkungspolitik gelobt. Es besteht die Gefahr dass die jetzige sozialistische Stagnationspolitik weitergeführt wird.

    Fr. Le Pen hat sicherlich eine hohe Kompetenz in Einwanderungs- und Minderheitenthemen, die Wirtschaftspolitik scheint jedoch bislang völlig brach zu liegen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%