Französischer Präsidentschaftswahlkampf
Die gespaltene Gesellschaft

Die einen haben Angst vor Überfremdung, die anderen fühlen sich ausgegrenzt: Frankreichs neuer Präsident muss Weiße und Farbige versöhnen. Inzwischen wächst in Frankreich nicht mehr zusammen, was zusammengehört. Der Rassismus ist stark in den Köpfen verankert.

PARIS. Ihre Hautfarben variieren in allen Tönen zwischen Weiß und Schwarz. Ihre Eltern kamen aus Algerien, Marokko, der Elfenbeinküste, Vietnam, Kamerun und Martinique nach Frankreich. Sie sind französische Staatsbürger, sie sprechen perfekt die Landessprache und sie sind Mitglied der größten französischen Partei, der neogaullistischen Union pour un Mouvement populaire (UMP).

In der Pariser UMP-Zentrale sitzen die neun Männer und Frauen jetzt auf einem Podium und kämpfen für ein gemeinsames Anliegen: eine tolerante Gesellschaft. „Wir sind hier geboren, wir lieben dieses Land, wir haben hier studiert, nun wollen wir auch die gleichen Chancen“, sagt Kamel Hamza, dessen Familie aus Algerien stammt. „Die Einwanderer sind Frankreichs Zukunft“, sagt der in Kamerun geborene Emmanuel Njoh.

Damit spricht er eine Wahrheit aus, die schon lange gilt. Seit Jahrhunderten schwappen Wellen von Immigranten über Frankreich hinweg. Auf der Flucht vor Armut und Unterdrückung kamen Armenier, Russen, Portugiesen, Spanier und Griechen ins Land, gefolgt von Marokkanern, Algeriern und Schwarzafrikanern aus den ehemaligen Kolonien. Lange Zeit wurden die Fremden problemlos integriert. Viele stiegen in Spitzenpositionen auf. Auch UMP-Chef Nicolas Sarkozy, womöglich der nächste Staatspräsident, ist ein Einwandererkind. Sein Vater stammt aus Ungarn, die Familie seiner Mutter aus Griechenland.

Sarkozy hat es noch geschafft. Doch mittlerweile wächst in Frankreich nicht mehr zusammen, was zusammengehört. Der soziale Aufzug ist kaputtgegangen. Zehntausende von Einwanderern der zweiten und dritten Generation leben in Ghettos am Rande der Großstädte, fühlen sich ausgeschlossen vom Wohlstand, diskriminiert von Justiz und Polizei, missachtet von Politikern und Arbeitgebern. Bei den Betroffenen wächst der Zorn, 2005 entlud er sich in einem beispiellosen gewalttätigen Aufstand in den Vorstädten. Seitdem hat sich die Lage nur scheinbar beruhigt. Immer wieder flammt die Gewalt auf. Erst kürzlich lieferten sich Polizei und Jugendliche eine spektakuläre Schlacht im Pariser Nordbahnhof.

Die Lunte brennt und kann jederzeit eine gesellschaftliche Explosion verursachen. Dieser Tatsache wird sich der Nachfolger von Staatspräsident Jacques Chirac stellen müssen. Doch darüber reden die zwölf Bewerber um das höchste Amt im Staate nicht gern. Das Thema Integration sei „merkwürdig abwesend“ in diesem Wahlkampf, bemerkte die Tageszeitung „Le Monde“. Die Präsidentschaftskandidaten lassen allenfalls politisch korrekte Worthülsen fallen: „Frankreich braucht seine Vielfalt, seine Talente“, sagt die Sozialistin Ségolène Royal, doch in ihrem „Präsidentschaftspakt“ findet sich kein einziger konkreter Reformvorschlag zugunsten der Migranten-Jugend. Auch der konservative Kandidat Sarkozy fasst das Thema nur mit spitzen Fingern an. Zwar hat der UMP-Chef farbige Politiker in seiner Partei im Stillen kräftig gefördert. Doch offiziell zu ihnen bekennen mag er sich nicht. „Unsere Forderungen verpflichten unseren Kandidaten zu nichts“, betont UMP-Vorstandsmitglied Yves Jego, der sich für Parteifreunde aus Migrantenfamilien einsetzt.

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