Französischer Präsidentschaftswahlkampf
Monsieur Paradox

Erneut könnte Rechtsextremist Jean-Marie Le Pen bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich für eine Sensation sorgen – weil immer mehr Einwanderer für ihn stimmen. Politik paradox: Die Einwandererströme, gegen die Le Pen hetzt, bescheren ihm zugleich neue Fans.

PARIS. Es ist ein Morgen wie viele andere im Café „Le Trébois“ im Pariser Vorort Levallois-Perret. Fischverkäufer in gelben Kitteln und Gummistiefeln nehmen ihr zweites Frühstück ein. Zwei Kassiererinnen in grüner Arbeitskluft vom Supermarkt „Shopi“ schräg gegenüber bestellen Milchkaffee. Im Fernsehen läuft ein Fußballspiel, die Männer am Tresen plaudern über das Wetter.

„Heute wird es 23 Grad“, sagt einer und nimmt vom Kneipenwirt das erste Glas Weißwein des Tages entgegen. Von Politik ist keine Rede. „Marine Le Pen kommt heute hierher?“ fragt der Patron des Cafés ungläubig, „Hier vor meine Tür? Nein, das ist bestimmt falscher Alarm.“

Doch draußen ist die Vorhut der rechtsextremen Politikerin schon eingetroffen. Einige Männer und Frauen verteilen im strahlenden Sonnenschein Faltblätter. „Stimmt gegen die Kandidaten des Systems: Wählt Jean-Marie Le Pen“, steht darauf.

Kurz darauf erscheint die Tochter des Kandidaten persönlich. Marine Le Pen, hoch gewachsen, blondiertes Haar, leger gekleidet in Jeans und buntem Designer-Mantel. Eine ältere, rundliche Frau stürmt auf sie zu und schüttelt ihr die Hand. „Madame Le Pen, ich bewundere Sie“, ruft die Frau mit deutlich hörbarem spanischen Akzent. Später wird sie erzählen, wie sie vor 30 Jahren auf der Suche nach Arbeit nach Frankreich kam. Doch mit den Immigranten von heute will sie nichts zu tun haben: „Man muss doch die Spreu vom Weizen trennen.“

An diese Devise hält sich auch die Familie Le Pen. Vater Jean-Marie und seine Tochter kämpfen gemeinsam dafür, die nationalen Schotten dichtzumachen. Das Boot sei voll, lautet die Kernbotschaft der Le-Pen-Partei Front National. Deshalb brauche das Land eine „préférence française“: französische Arbeitsplätze, Wohnungen und Sozialleistungen zuallererst für Franzosen. Einwanderer bekommen das, was übrig bleibt.

Dieses Programm vertritt Le Pen senior seit über 30 Jahren. Das Neue: Zunehmend findet er bei Menschen Gehör, die selber einst zu den Fremden gehörten. Immer mehr Mitglieder der Front National stammen mittlerweile aus Einwandererfamilien.

Zum Beispiel Serge Renault, der in der Fußgängerzone von Levallois-Perret FN-Prospekte verteilt. „Dobrij djen“, begrüßt er einen Passanten und erzählt, dass sein Großvater aus Russland gekommen und eine Bretonin geheiratet habe. „Daher mein sehr französischer Name“, betont Renault. Neben ihm steht die Aktivistin Françoise Brocco. „Aus einem italienischen Dorf“ komme ihre Familie, räumt sie widerwillig ein, um gleich darauf auch ihr Feindbild zu skizzieren: „Es ist eine Schande, dass mit unserem Geld Moscheen gebaut werden und dass schwarze Immigranten unsere Sozialhilfe kriegen.“

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