Frau Gül verwirrt das Protokoll
Das Kopftuch kommt nach Cankaya

Kommt sie? Oder kommt sie nicht? Heute, am Siegestag, gedenkt die Türkei ihres Unabhängigkeitskrieges von 1919 bis 1923. Wie in jedem Jahr gibt der türkische Generalstabschef aus diesem Anlass einen glanzvollen Empfang. Ehrengast sind traditionell der Staatspräsident und seine Gattin. Doch Frau Gül sorgt bereits im Vorfeld für Aufsehen und bringt das Protokoll ins Schwitzen.

ATHEN. Der türkische Staatspräsident heißt seit Dienstag Abdullah Gül. Deshalb werden heute Abend nicht nur die Gesellschaftsreporter am Eingang stehen und notieren, wer über den roten Teppich kommt. Die Gästeliste ist ein Politikum: Kriegt auch Hayrünissa Gül eine Einladung, die Präsidentengattin? Das ist die Frage, die jetzt alle interessiert. Denn die neue First Lady trägt einen „Türban“, das Kopftuch, mit dem fromme Muslima Haar, Hals und Dekolleté verhüllen. Bei Staatsempfängen war der Türban bisher tabu.

Dem früheren Präsidenten Ahmet Necdet Sezer kam keine Frau mit Kopftuch ins Haus. Bedeckte Politikergattinnen wurden nicht nach Cankaya eingeladen, wie der Präsidentenpalast im Volksmund genannt wird. Auch die Militärs meiden jeden Kontakt mit Kopftuchträgerinnen, fast so, als handele es sich um Aussätzige.

„Jetzt kommt das Kopftuch an die Staatsspitze“, stellte Kolumnist Bekir Coskun in der bürgerlichen Zeitung „Hürriyet“ resignierend fest. Aber nicht ins Hauptquartier der Armee, da sei Yasar Büyükanit vor, der Generalstabschef, der anlässlich der Wahl Güls vor „hinterhältigen Plänen“ der „Zentren des Bösen“ warnte: Hayrünissa Gül, so war aus informierten Kreisen in Ankara zu erfahren, ist nicht eingeladen. Auch nicht Emine Erdogan, die Gattin des Premiers, die ebenfalls ein Kopftuch trägt. Dagegen darf Parlamentspräsident Köksal Toptan seine Gattin mitbringen, denn die trägt keinen Türban.

Das Kopftuch der Frau Gül, ihre bis zum Knöchel reichenden, weit geschnittenen Gewänder, deren Ärmel züchtig selbst die Handgelenke bedecken – das alles beschäftigt die Türkei seit Monaten. Güls Gegner sehen darin ein Indiz der „geheimen Agenda“, die sie dem gewendeten Fundamentalisten unterstellen. Die Fixierung auf die Garderobe der Frau Gül ist umso zwanghafter, als ihr Mann in seiner bisherigen Rolle als Außenminister nun wirklich gar keine Anhaltspunkte dafür lieferte, dass er die Türkei zu einem Gottesstaat machen möchte.

Auch Atil Kutoglu interessiert sich dafür, wie Frau Gül gekleidet ist. Kutoglu ist ein türkischer Modeschöpfer und lebt in Wien. Geschickt hat es der bisher weithin unbekannte Couturier verstanden, sich jetzt ins Gespräch zu bringen: Frau Gül habe ihn beauftragt, ihr einen neuen Look zu verpassen. Mit Kopftüchern, wie sie Sophia Loren und Catherine Deneuve in ihren Filmen trugen, stelle er sich Frau Gül vor, fabulierte Kutoglu. „Oder wie die späte Romy Schneider.“ Er habe eine Menge Ideen, verriet der Modeschöpfer dem britischen „Guardian“. Der BBC erzählte er, 20 Entwürfe für Frau Gül seien bereits fertig. Die ließ inzwischen dementieren: Sie habe weder dem Designer einen Auftrag erteilt noch die Absicht, ihren Stil zu ändern.

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