Freigelassene Krankenschwestern
Grummeln über „Geiselbefreierin“ Cécilia Sarkozy

Jahrelang verhandelten Emissäre der EU still und leise hinter den Kulissen mit Libyen, um die inhaftierten bulgarischen Krankenschwestern herauszupauken - und dann schaltete sich kurz vor Schluss Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy ein, um seine Frau Cécilia den Rahm abschöpfen zu lassen. Die halbe EU ist nun sauer wegen dieser Dreistigkeit.

PARIS. Nicolas Sarkozy ist voll des Lobes für seine Frau. „Cécilia hat eine wirklich bemerkenswerte Arbeit geleistet“, sagte der französische Präsident. Kurz zuvor war Madame Sarkozy zusammen mit den befreiten bulgarischen Krankenschwestern und EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner heil in Sofia gelandet. Mit seiner Begeisterung für Cécilia steht Sarkozy allerdings ziemlich allein da. Sowohl in Brüssel als auch in Berlin ist die Verwunderung groß über das Verhalten des Staatschefs und seiner Frau bei der Befreiung der bulgarischen Krankenschwestern. Das Thema wurde am Dienstag auch im Bundeskabinett diskutiert.

Denn es war nicht der französische Präsident, der die dreijährigen Verhandlungen mit der libyschen Regierung geführt hatte. Diese Arbeit hatten vor allem EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier erledigt. Sarkozy schaltete sich erst vor einem guten Monat in die Affäre ein, was sowohl bei der EU-Kommission als auch bei der deutschen EU-Ratspräsidentschaft hinter den Kulissen Irritationen auslöste und von allen Beteiligten als PR-Aktion des französischen Präsidenten wahrgenommen wurde.

In Brüssel lobte Portugals Außenminister Luis Amado im Namen der EU ausdrücklich das Engagement von Ferrero-Waldner. Auch Außenminister Steinmeier nannte er – nur Sarkozy und dessen Frau erwähnte er zunächst nicht. Dafür betonte Amado, die EU habe eine Lösung des Falls bereits rechtzeitig zum Treffen der Außenminister am Dienstag angepeilt. Doch dann habe sich Frankreich eingeschaltet, und ein solches Engagement könne die EU natürlich nicht zurückweisen, sagte Amado und ließ damit durchblicken, dass die Freilassung ohne die Einmischung der Familie Sarkozy womöglich schneller erfolgt wäre.

Auch die französische Öffentlichkeit reagierte verblüfft, als Sarkozy seine Frau am 12. Juli erstmals und am vergangenen Montag zum zweiten Mal auf „humanitäre“ Mission nach Tripolis schickte. Nie zuvor hatte eine Präsidenten-Gattin in der Diplomatie Frankreichs eine derartige Rolle gespielt. „Ich wüsste nicht, dass sich Madame Sarkozy den französischen Wählern gestellt hat“, giftete Oppositionspolitiker Noel Mamère von den Grünen. Die sozialistische Opposition mahnte „Transparenz“ über die Rolle der Präsidenten-Gattin an. Falls es sich bei der Reise von Madame Sarkozy um eine politischen Einsatz gehandelt habe, „dann kommen wir hier zu diplomatischen Methoden, die ich absolut verurteile“, sagte Pierre Moscovici von der Sozialistischen Partei.

Die Kritik stieß beim Präsidenten auf taube Ohren. „Es handelte sich um ein humanitäres Problem“, bei dessen Lösung sich „Cécilia nützlich machen konnte“, sagte Sarkozy, „Und das hat sie mit viel Mut, Ernsthaftigkeit, Menschlichkeit und Bravour getan.“

Welchen Beitrag Cécilia Sarkozy wirklich geleistet hat zur Freilassung der Bulgaren, blieb unklar. Dies gilt um so mehr, als dass Cécilia begleitet wurde vom Generalsekretär des Élysée-Palastes, Claude Guéant. Der Chef von Sarkozys Beamtenstab war der eigentliche französische Verhandlungsführer in Libyen und bereitete den bevorstehenden Besuch seines Chefs in Tripolis vor. Sarkozy will schon am heutigen Donnerstag mit Präsident Muammar al Gaddafi zusammentreffen.

Nach der Freilassung der Krankenschwestern hat Sarkozy endlich freie Bahn, um die vielfältigen politischen und ökonomischen Interessen Frankreichs in dem nordafrikanischen Land zur Geltung zu bringen. So will Sarkozy bei Gaddafi für sein Lieblingsprojekt werben, die Mittelmeer-Union. Das Vorhaben, die Anrainerstaaten zu einer Staatengemeinschaft nach dem Vorbild EU zusammenführen, fand bisher nur wenig Resonanz. Daher kann Sarkozy die Unterstützung Gaddafis gut gebrauchen. Der französische Staatschef hofft außerdem auf die Mitarbeit Gaddafis bei der Abwehr von illegalen Einwanderern aus Schwarzafrika.

Mindestens ebenso bedeutend sind die Interessen der französischen Industrie in dem mit reichen Öl- und Gasquellen gesegneten Land. Die Handelsbeziehungen zwischen Frankreich und Libyen sind bereits beträchtlich. Vergangenes Jahr lieferte Frankreich Waren im Wert von 433,6 Mill. Euro nach Libyen, 43 Prozent mehr als im Vorjahr. In der Rangliste der wichtigsten Handelspartner Libyens liegt Frankreich gleichwohl hinter Italien, Deutschland und Japan. Das möchte Sarkozy ändern. Vor allem die französische Rüstungs- und die Nuklearindustrie hofft auf Aufträge. Dassault-Aviation spekuliert darauf, 16 Kampfflugzeuge des Typs Rafale nach Libyen zu liefern.

Mitarbeit: Helmut Hauschild, Brüssel; Andreas Rinke, Berlin

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Ruth Berschens
Handelsblatt / Büroleiterin Brüssel
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%