Friedensnobelpreisgewinner
Rätselraten um Verbleib von Liu Xias Ehefrau

Nach der Verleihung des Friedensnobelpreises an den chinesischen Dissidenten Liu Xiaobo ist seine Ehefrau am Wochenende verschwunden.
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dapd PEKING. Liu Xiaobos Bruder erklärte am Samstagabend, die Behörden hätten ein Treffen des Ehepaares in der Stadt Jinzhou arrangiert, wo der Bürgerrechtler in Haft sitzt. Es sei ihm aber nicht gelungen, seine Schwägerin Liu Xia telefonisch zu erreichen. So blieb unklar, ob der Preisträger überhaupt schon von der Auszeichnung erfahren hat.

Das Informationszentrum für Menschenrechte und Demokratie mit Sitz in Hongkong erklärte, das Treffen habe stattgefunden. Es bezog sich dabei auf Äußerungen eines anderen Bruders, wonach die Polizei das Treffen bestätigt habe. Liu Xias Mobiltelefon blieb jedoch abgeschaltet. Der Anwalt ihres Mannes, Shang Baojun, und enge Freunde erklärten, sie hätten Lius Ehefrau nicht erreichen können.

Der Anwalt befürchtete am Samstag, sie könnte von der Polizei abgeholt worden sein. "Wir machen uns Sorgen um sie."

Die chinesischen Behörden hatten Liu Xias Bewegungsfreiheit bereits vor der Bekanntgabe des Nobelpreisträgers eingeschränkt und ihr angeboten, am Freitag ihren Mann in Haft zu besuchen. Sie hatte dies jedoch abgelehnt und wollte nach der Bekanntgabe eine Pressekonferenz geben. Die Polizei ließ jedoch nicht zu, dass sie ihre Wohnung verließ. Am Freitagabend erklärte Liu Xia, sie verhandele mit den Behörden über die Bedingungen für einen Besuch bei ihrem Mann, um ihm von der Ehrung zu berichten.

Karikatur zeigt Medaille hinter Gittern

Die chinesische Regierung äußerte sich am Samstag nicht zu der Auszeichnung für den Dissidenten und Bürgerrechtler. In einem Kommentar der staatlichen Zeitung "Global Times" hieß es auf Englisch, mit der Verleihung des Friedensnobelpreises solle China verärgert werden. Dies werde jedoch keinen Erfolg haben, "im Gegenteil, das Komitee hat sich blamiert". In der chinesischen Ausgabe der Zeitung wurde die Verleihung als "arrogantes Anschauungsprojekt westlicher Ideologie" bezeichnet.

Ein chinesischer Karikaturist veröffentlichte aber in seinem Blog am Freitag die Zeichnung einer Nobelpreismedaille hinter Gittern. Der bekannte Blogger Ran Yunfei schrieb, in einer Zeit, in der das Internet Informationen allmählich jedermann zugänglich mache, entspreche es "hoffnungslos dummem Verhalten" zu versuchen, die Nachricht über die Auszeichnung Lius vor den Chinesen fernzuhalten. Aktivistenanwälte beklagten am Samstag, sie würden von der Polizei belästigt. Die Anwälte Pu Zhiqiang, Jiang Tianyong und andere erklärten, sie dürften ihre Wohnungen nicht verlassen. Die Regierung wisse nicht, wie sie auf die Nachricht reagieren solle. Sie sei nervös, ängstlich und agiere chaotisch, sagte Pu.

Lammert richtet Appell an Peking

Bundestagspräsident Norbert Lammert forderte in Leipzig die Freilassung von Liu Xiaobo. Er verwies auf die Verleihung des Friedensnobelpreises 1975 an den russischen Physiker und Bürgerrechtler Andrej Sacharow. Das damalige sowjetische Regime habe empört reagiert und Sacharaow die Ausreise verweigert. Er wolle nun einen Appell an die chinesische Regierung richten: "Nehmt die Botschaft dieses Preise ernst. Lasst Liu Xiaobo frei und gebt ihm die Gelegenheit, den Preis in Oslo entgegenzunehmen und die Botschaft dieses Preises nach Peking zurückzubringen."

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  • Auch im schönen csu-bayernland wird man flugs für knapp drei Wochen - wie ich am 13.9.2010 - eingesperrt, wenn man einige csu-hörige Polizisten ("Kriminelle Faktenmacher in Münchens csu-Mordkommission" und weitere Skandalfälle) von seiner Pension in Gilching/LK Starnberg und deren Zimmertelefon anruft, damit sie auch ja schnell herausfinden, wo der Pallmann gerade im bettchen liegt...Den an sich fälligen richterlichen Haftbefehl türkten die "Erstzugriffler" dann nach. Doch ihre Arbeit ging ins Leere...

    Zu acht rückten die Damen und Herren, klar mit Schusswaffe im Halfter, an. Handschellen. Das ganze Spektakel des Muskelspielens incl. einiger körperlicher Misshandlungen. Dass ich am 7.10.2010 auf beschluss der klugen Ermittlungsrichterin Redl herauskam aus "St. Adelheim" (Stadelheim/ Münchner Gefängnis) zeigt wenigstens, wie unser "Rechtsstaat" funktioniert: da und dort quälend langsam, aber immerhin...

    Ganz andern ist das noch im wirschtschafts-bommenden Reich der Mitte, wo man die Todesstrafe verhängt und ein individuum traditionell eher "nicht besonders viel wert ist". Crudes Mittelalter und Neuzeit treffen da aufeinander. Auf Chinas derzeitig sehr nervöse Machthaber "loszutrommeln", das bringt also nichts, denn die sind erstmal vor der gesamten Weltöffentlichkeit düpiert genug ("Gesichts-Verlust"!), dass sich die Nobel-Auswahlkommission weder durch politische noch durch andere massive "interventionen" davon abbringen ließ, Liu Xiaobo diesen Preis zu verleihen.

    Menschen, die sich gewaltfrei und mit Geduld, dazu einigen, manchmal gar antrainierten Verhaltensweisen, für Menschenrecht und Frieden einsetzen, wissen in aller Regel ziemlich genau, was und warum sie das tun. Die Verbreitung dieser Rechte und der Respekt vor ihnen, das gab und gibt es nicht zum Nulltarif. "Stuttgart 21" belegt dies überdeutlich. Ebenso wenig darf man erwarten, ganz China würde nun empört und landesweit die Freilassung ihres Landsmannes fordern. Da hat mein Mitkommentator Runzheim recht. "ich halte mich lieber raus"-Mentalitäten sind nicht China-spezifisch, wie wir alle wissen. Dennoch bleibt die frohe botschaft in den Herzen der Menschen hängen und wird dort zumindest bei einigen ihre Früchte tragen.

    Hoffentlich halten die Freunde und Mitstreiter Lius psychisch und physisch durch. Seine Frau zu schikanieren entlarvt die Unsicherheit der Offiziellen zusätzlich. Mögen internet und kluge Kontaktleute verhindern, dass hier Schlimmeres passiert! "Der normale Chinese zeigt Desinteresse" - ja, so ist die Realität. Und diese "Normalen" gibt's auch bei uns gleich um die "Ecke". Wenigstens seinen Preis sollte der Jubilar persönlich abholen "dürfen" und freigelassen werden. Gedanken und Worte sind frei. Wer das noch nicht kapiert hat, ist - mit Verlaub - töricht, ja dumm. Oder etwa nicht?

  • Die Verleihung des Nobelprieses an Liu ist eine symbolischer Akt.Es setzt ein Zeichen, dass die Welt nicht von Chinaswirtschafrerfolge so sehr verblendet wird, dass zu vergessen, dass China immer keine domokratischer Staat ist.

    Wenn der Westen aber glaubt dass es unter chinesicher bevolkerung deswegen Aufsehen erregen wird, taeuscht er sich.

    Als ich die Nachricht erhielt, sendete ich bekannten Chinese per SMS und mail umgehend um sie es zu verstaendigen.

    Zum Erstaunen habe ich bislang, schon 2 Tage lang, keine einzige Antworte bekommen. Die normale Chinese zeigen Desinteresse.

    Sie kuemmern sich nur darum was ihnen praktische Nutzung bringt.

    Das gibt uns zum bedenken: sobald eine Regierung deren Volk den Chance einraeumt dass es stets ihren Lebensstandard verbessern kann, werden das Volk sie trotz alles politschen Uebels in Kauf nehmen.

    Ernuechernd, aber leider ist das die Wahrheit.

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