Front National
Die Partei von Nebenan

In Lyon feiert der Front National seinen Wahlkampfauftakt. Von Rassismus und dumpfer Anti-Migranten-Rhetorik ist nichts mehr zu hören. Stattdessen präsentiert sich die Partei als wählbare Alternative für normale Bürger.
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LyonHauptstadt Galliens wird Lyon in Frankreich genannt, weil die Römer das alte Lugdunum, zu einer Wirtschafts- und Verkehrsmetropole ausbauten. Die frühere Seidenstadt ist heute eine der wohlhabendsten Städte Frankreichs, in der es einen gelungenen Strukturwandel von der Textil- und Chemieindustrie hin zu Biotechnologie und modernen Autozulieferern zu bewundern gibt.

Es ist kein Zufall, dass am Wochenende Marine Le Pens rechtspopulistische Front National (FN), die linksliberale Bewegung „En Marche“ von Ex-Wirtschaftsminister Emmanuel Macron und die „Linksfront“ von Jean-Luc Mélenchon die eher konservative, katholische Metropole an Rhône und Saône als Kulisse für ihre Wahlkampfveranstaltungen wählen.

Der FN stilisiert Lyon zum Symbol eines Frankreichs „das Widerstand leistet gegen fremde Mächte und dessen Herz und Seele von der Jungfrau Maria erhellt werden“, wie Le Pens Wahlkampfleiter David Rachline am Samstag in einer erstaunlich religiösen Eruption in das Amphitheater des Kongresszentrums ruft. Marine Le Pen sitzt in der ersten Reihe, ergreift aber nicht das Wort: Sie redet erst am Sonntagnachmittag zum Abschluss des Kongresses.

Für Macron ist Lyon ein Heimspiel: Der sozialistische Bürgermeister Gérard Collombe zählt zu seinen wichtigsten Unterstützern, hier lebt das optimistische, an die Zukunft glaubende und proeuropäische Frankreich, das der 39-Jährige verkörpern will. Schon durch die schiere Zahl der Teilnehmer seines Meetings in der Sportarena am anderen Ende der Stadt will er den FN in den Schatten stellen.
Die Rechtspopulisten bemühen sich im Kongresszentrum darum, sich von ihrer sympathischsten Seite zu zeigen. Nach Rachlines eher automatenhaft vorgetragener Rede kommt ein Mann zu Wort, der wie kein anderer den Wandel der Front von einer rechtsradikalen, rassistischen Bewegung zu einer Volkspartei symbolisieren soll: Jean Messiha, vor 46 Jahren als Hossam Messiha in Kairo geboren, mit acht Jahren nach Frankreich gekommen und in der Banlieue aufgewachsen. Nach einer schwierigen Kindheit hat er an Sciences Po und der Elite-Uni ENA studiert und im Generalstab der Armee gearbeitet.

Eigentlich verkörpert der Mann mit unverkennbar südländischem Aussehen alles, was Rechtspopulisten hassen: Zuwanderung und die „Kaste“, die abgehobene Elite der Edelbeamten, die den Staatsapparat unter sich aufteilen. Doch für Le Pen ist Messiha ein Juwel: Wer will angesichts dieses Mannes noch behaupten, die Front sei rassistisch oder prollig?

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