Front National zerlegt sich
Wie Marine Le Pens Träume zerplatzen

Im Frühjahr träumte Marine Le Pen noch vom Élysée-Palast – nun steht ihre Partei Front National am Abgrund. Im Schatten von Präsident Macron zerlegen sich die Rechtspopulisten – ein Schicksal, das sie mit den Sozialisten teilen.
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ParisVier Monate nach der Wahlniederlage von Marine Le Pen zerlegt sich Frankreichs rechtsextreme Partei Front National (FN). Am Donnerstagmorgen gab Florian Philippot, Le Pen-Stellvertreter und verantwortlich für die Strategie des FN, seinen Austritt bekannt. Am Abend zuvor hatte die Chefin, die ihm jahrelang nahezu blind vertraut hat, Philippot seine Aufgaben entzogen. „Der Front National vollzieht eine schreckliche Rückkehr in die Vergangenheit, er wird von seinen alten Dämonen eingeholt“, kritisierte der Entmachtete im TV-Sender France 2 und fügte hinzu: „Natürlich trete ich deshalb aus.“

Der Rückzug des erst 35 Jahre alten Chefideologen beendet einen seit Monaten andauernden Machtkampf zwischen ihm und seinen parteiinternen Gegnern, er löst aber ein politisches Vakuum aus. Der Absolvent der Eliteschule ENA hatte dem FN die Abkehr vom traditionellen Rassismus verordnet. Oberstes Dogma wurde die Rückgewinnung der nationalen französischen Souveränität durch den Austritt aus der Euro-Zone und den Rückzug aus der EU.

Dadurch wurde der FN für Franzosen wählbar, die sich von seiner aggressiven Fremdenfeindlichkeit abgestoßen fühlten. „Dediabolisierung“, wörtlich „Entteufelung“, war Philippots Leitbegriff: Der FN zeigte sich glatter, gefälliger, weniger sektiererisch. Die Ausrichtung des gesamten Programms auf den Euro-Austritt ermöglichte beachtliche Wahlerfolge, verurteilte den FN aber letzten Endes zu einer Position in der Minderheit: Die große Mehrheit der Franzosen hängt am Euro und will auf keinen Fall davon abgehen.

FN-Gründer Jean-Marie Le Pen, der Vater der heutigen Vorsitzenden, war über Philippots Linie empört: Er empfand sie als zu weich und provozierte immer wieder mit antisemitischen Ausfällen. Philippot wurde der wichtigste Feind des Alten. Der eloquente Aufsteiger schaffte es, die Tochter zu einer harten Reaktion auf ihren Vater zu bewegen, die im Ausschluss des Ehrenvorsitzenden gipfelte.

Marine Le Pen, der die nötigen strategischen Fähigkeiten abgehen, lehnte sich immer stärker an ihren Vize Philippot an. Das und das oft arrogante Auftreten des Eliteschülers führte zu wachsenden Spannungen mit anderen Vorstandsmitgliedern. Marine Le Pens Nichte Marion und der Abgeordnete Gilbert Collard sowie FN-Generalsekretär Nocolas Bay stichelten gegen Philippot. Nach Le Pens Niederlage bei der Präsidentschaftswahl im Mai zog Marion sich flugs aus allen Ämtern zurück. Sie wollte sich nicht in dem Machtkampf aufreiben lassen, der bevorstand.

Marine Le Pen kann ihrem Vize schlecht vorwerfen, den Kurs verfolgt zu haben, den sie selber in den vergangenen Jahren vertreten hat. Zum Vorwand für seine Degradierung hat sie seine Weigerung genommen, die Leitung seines Think Tanks „Die Patrioten“ aufzugeben, den er im Mai gegründet hatte. Philippot machte ihr am Donnerstag keine persönlichen Vorwürfe, sondern sagte: „Sie hat ihre Auffassungen nicht geändert, sondern bestimmte Leute um sich herum gewähren lassen.“

Le Pen, die bei ihren jüngsten Auftritten müde und ausgebrannt wirkte, steht nun vor einer unlösbaren Aufgabe: Den Anti-Eurokurs will sie aufgeben. Damit dokumentiert sie das Scheitern des antieuropäischen Populismus. Das ist ein Eingeständnis, das Folgen auch für andere Populisten in der EU haben wird, die sich am FN orientiert hatten. Mit der Gegnerschaft gegen die EU lassen sich auf dem Kontinent keine Wahlen gewinnen, das hat der FN selbst nun aktenkundig gemacht. Doch ein ideologischer Ersatz ist nicht in Sicht, das gesamte Programm des FN mit seiner „nationalen Präferenz“ steht und fällt mit dem Rückzug aus der Gemeinschaftswährung und aus der EU.

Le Pen selbst hat nicht das nötige Format, um ihrer Partei eine neue, markante Linie zu verpassen, die mehr wäre als nur ein Neuaufguss der kruden Mischung aus Nationalismus und Antisemitismus, die ihr Vater vertreten hat. Die anderen Mitglieder des Politbüros wie Nicolas Bay sind Apparatschiks, die in hohem Tempo Worthülsen abfeuern und vielleicht einen Wahlkampf organisieren können, aber zumindest bislang nicht die intellektuellen Fähigkeiten bewiesen haben, die für eine Neugründung des FN erforderlich sind.

Abgesehen von den politischen Fragen steht Marine Le Pen auch vor einer sehr persönlichen Herausforderung: Seit ihrem peinlichen Versagen in der Debatte gegen Emmanuel Macron im Mai trauen viele in der Partei ihr keine Führungsfähigkeit mehr zu und zweifeln daran, dass sie Wahlen gewinnen kann. Kennzeichnend für ihre anhaltende Verwirrung ist, dass sie es in vier Monaten nicht geschafft hat, Position zu den Arbeitsmarktreformen Macrons zu beziehen.

Einen schwachen Trost hat Le Pen: Auch andere Parteien stürzt Macrons Triumph in die Krise. Die Sozialisten sind so geschwächt, dass sie ihren Parteiapparat nicht mehr finanzieren können. In dieser Woche gab die Partei bekannt, dass sie sogar ihren Sitz in der Rue de Solférino, ganz in der Nähe des Musée d’Orsay, verkaufen muss. Der glücklose PS-Kandidat Benoît Hamon hadert noch immer mit seinem Schicksal: „Kandidat der Sozialisten zu sein, das war wie mit einer Eisenkugel am Bein herumzulaufen.“

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris

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  • Zumindest war Marien le Pen glaubwürdiger als Alice Weidel. Die hat bei sich zu Hause, im Steuerparadies Schweiz, sich die Klos von syrischen Flüchtlingen putzen lassen. Zuvor waren die auf einer islamischen Universität. Egal. Hauptsache schön billig. Und in den Medien kann man irgendeinen Blabla für die Doofis erzählen.

  • Marien le Pen gehört auf den Müllhaufen der Geschichte.

  • Noch einmal kurz gefasst:
    Sozialistische Kollektivisten (linke wie rechte) erträumen sich in ihrer Ideologie das "Paradies auf Erden". Im Extremfall (wie bei den Steinzeitkommunisten der Roten Khmer in Kambodscha) ist diese "Pardies" eine steinzeitliche, kollektivistische Agrargesellschaft, für die man nur etwa 1 Million Kamboschaner benötigte und den Rest abschlachten durfte. Für diese Kollektivisten ist die "Gleichheit" absolut - und eben nicht nur eine Gleichheit vor dem Gesetz. "Gerechtigkeit" wollen sie nicht als - einzig mögliche!! - Regelgerechtigkeit, sondern insbesondere auch als Ergebnisgerechtigkeit. Bei der Schaffung dieses "Paradieses auf Erden" müssen jedoch zwangsläufig Recht und Gerechtigkeit unter dier Räder kommen. ALLE sozialistischen und kommunistischen Staaten waren nämlich KEINE Horte der "realexistierenden Gerechtigkeit", sondern vielmehr des schreienden (oft sogar himmelschreienden) Unrechts.
    Der böse, böse Marktwirtschaftler erkennt jedoch an, dass es ein "Paradies auf Erden" niemals geben kann - höchstens ein Paradies im Jenseits!!

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