Frustriert, ausgelaugt, erschöpft
Wie die Griechen die Krise erleben

Ein kleines Rahmengeschäft in Athen: Hier ist die Eurokrise keine abstrakte Finanzmathematik, kein Börsenkurs und kein Politikergerede. Hier weiß der Besitzer nicht mehr, wie sein Leben weitergeht.
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AthenNikos Koutsouvelis dreht sich eine Zigarette. Mittlerweile kann er das ganz gut. Es krümelt kaum noch. Er leckt am Zigarettenpapier, dreht es ordentlich zusammen und legt die schmale Zigarette vor sich auf den Tisch. Dann kramt er sein Feuerzeug aus seiner Hosentasche und fängt kurz darauf an, den Rauch einzusaugen und auszupusten. Ein, zwei, drei Züge. Die Zigarette ist bald nur noch ein Stummel, aber Kundschaft ist immer noch nicht in Sicht.

Seit Griechenland in die Krise stürzte, raucht Nikos nur noch Selbstgedrehte. Ist billiger. Im Drehen hat er nun Übung und viel Zeit zum Rauchen hat er auch. Denn ebenfalls seit Griechenland in die Krise stürzte, läuft sein kleines Rahmengeschäft in Athen schlecht. „Seit zwei Jahren schlecht, seit einem Jahr noch schlechter“, konkretisiert er. Wie viele Kunden weniger kommen, weiß der 51-Jährige nicht genau. Vielleicht will er es auch gar nicht so genau wissen. Aber er schätzt, es ist die Hälfte.

Pro Monat muss er 1300 Euro Miete und Fixkosten für sein Geschäft aufbringen. „Wenn es gut läuft, kann ich gerade meine Kosten decken“, sagt er. Gut läuft es aber schon lange nicht mehr. Geld für größere Anschaffungen, für einen Restaurantbesuch oder gar eine Urlaub hat er nicht. Und seine beiden Kinder muss er auch noch durchbringen.

Seit 20 Jahren hat Nikos seinen Laden hier auf der Straße Patision nicht weit vom zentralen Omonia-Platz entfernt. Er ist stolz auf seine Arbeit, fertigt seine Rahmen per Hand, zieht Marienbilder genauso auf Holz wie Hochzeitsfotos und Werbung für Ouzo oder Underberg. „Hier, da hatte ich mal einen großen Auftrag aus Deutschland. Das waren noch bessere Zeiten“, sagt er und zeigt auf etwas staubige Reklametafeln im Schaufenster.

Anarcho-Partys zur Abschaffung des Kapitalismus

Nikos könnte man als wortkarg bezeichnen, aber beim Thema Deutschland wird er noch wortkarger. Nicht nur ihn verletzt es, dass in Deutschland abfällig über angeblich faule Griechen, die unterm Olivenbaum schlummern, geredet wird. Nikos arbeitet wie ein Hund, zwölf Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Er ist alles andere als faul. Er ist dünn, drahtig, seinen Händen sieht man an, dass sie viel geschafft haben. Die Sorgen werden mit jeder Horrornachricht schlimmer. Er weiß nicht, wie es weitergeht, ob es weitergeht und was aus ihm und seiner Familie wird.

Viele Griechen sind frustriert, ausgelaugt, erschöpft von der Krise. Ihre Verkörperung des Bösen sind nicht nur die reichen Deutschen und an deren Spitze Angela Merkel. Ihre eigenen Politiker sind sie mindestens genauso leid. Deshalb hat Nikos bei der letzten Wahl die Linkspartei Syriza gewählt. „Warum sollte die alte Garde nochmal an die Macht?“ Die alte Garde um Ministerpräsident Antonis Samaras ist aber wieder an der Macht.

Nikos geht es dabei noch gut. Er kann noch arbeiten. Ihm ist es noch nicht so ergangen wie vielen seiner Nachbarn: Sie haben dichtgemacht. Ein leeres Geschäft reiht sich auf der Patision an das andere, verrammelt, verstaubt, hie und da kaputte Fensterscheiben, andere mit vergilbten Postern beklebt.

„Wanted“ steht da über den Köpfen des ehemaligen Finanzministers Evangelos Venizelos und des Ex-Regierungschefs Georgios Papandreou. Andere Plakate künden von Anarcho-Partys zur Abschaffung des Kapitalismus. „Zu vermieten“, steht auf anderen. Als könnten es sich die Leute noch leisten, jetzt einen Laden zu mieten. Die Geschäfte, die noch offen haben, verkaufen Mobiltelefone, Billigschuhe oder pinke Glitzerklamotten. Es ist wie eine Lotterie: Wer schließt als nächster?

In einem dieser Geschäfte hat auch Nikos' Schwester Pella Manouseli gearbeitet. Jetzt kommt sie öfter in das Rahmengeschäft; sie hat viel Zeit, seit sie arbeitslos ist. Die Jobsuche verlief bisher ergebnislos. „Wer will mich mit 52 Jahren denn noch haben?“, fragt sie.

„So kann es ja nicht weitergehen“

Auch ihr Mann, ein Ingenieur, verdiene nur noch das Allernötigste. In der Krise baut keiner mehr. „Er hält uns mit kleinen Arbeiten über Wasser, mal ein Balkon da, mal ein Dach dort“, sagt sie. Die Miete zahlen sie nur noch sporadisch - die Vermieterin ist gnädig. Eine Krankenversicherung haben sie nicht mehr und ihre Schulden können sie nicht tilgen. „Früher wurden einem Kreditkarten hinterhergeschmissen, und jetzt... Wir müssten eigentlich alle ins Gefängnis, weil wir unsere Schulden nicht bezahlen können, aber so groß sind die Gefängnisse in Griechenland gar nicht.“

Dass sie keine reine Weste hat, weiß sie. Da sie vorher schwarz gearbeitet hat, gibt es kein Arbeitslosengeld. Auf die Politik schimpfen alle, aber an die Regeln halten sich auch viele kleine Leute nicht. Immer noch fährt der Taxifahrer, dessen Automat, der die Rechnung ausspucken soll, zufällig kaputt ist, dessen Papier aus ist oder der unverblümt zugibt, dass es ohne Rechnung für alle besser ist. Immer noch bietet einem der Arzt an: Mit Rechnung 100 Euro, ohne 70 Euro. „Wir sind selbst Schuld an unserer Misere“, sagt Pella.

Ein Austritt aus dem Euro ist für Nikos und Pella kein leeres Gerede mehr, sie haben keine Angst davor. Wer wenig hat, dem kann man wenig nehmen. Und zu abstrakt ist es für sie, was es bedeuten würde, wenn sie wieder in Drachme zahlen würden. Besser sei es vielleicht ohne Euro, ohne Abhängigkeit, ohne EU-Diktat, sagt Pella. „So kann es ja nicht weitergehen.“

Keine hundert Meter von dem Rahmengeschäft entfernt sammelt sich eine Menschenschlange vor einem kleinen Laden. Wird hier schon um Brot angestanden? Nein, die Leute verhandeln über ihre Stromrechnung, die sie nicht mehr bezahlen können.

„Es ist irgendwie ein beklemmendes Gefühl, wenn man Leute Schlange stehen sieht“, sagt Kleio Gizeli, die auch an der Patision lebt und als Künstlerin für ein paar Euro im Rahmenladen jobbt - allerdings werden die Einsätze rar, es gibt wenig zu tun. Sie als Künstlerin ist es gewohnt, finanziell rumzukrebsen. Aber auch sie bekommt es mit der Angst zu tun, wenn sie nun mit ihrem mageren Einkommen das erste Mal den pensionierten Eltern aushelfen muss.

Nur noch 550 Euro im Monat

Kleio Gizeli kommt aus einer normalen Mittelstandsfamilie: Der Vater war Architekt, die Mutter Chefsekretärin, die Schwester ist Lehrerin, die Cousine Sozialarbeiterin. Was kann da schon schiefgehen? Viel, wenn die Schwester nur noch 550 Euro im Monat verdient. Wenn den Eltern die Rente immer weiter zusammengestrichen wird, obwohl sie ihr Leben lang eingezahlt haben. Wenn die Cousine seit drei Monaten ohne Lohn arbeitet. Und wenn das Leben in Athen nicht billiger wird, sondern teurer.

Daher sitzen auch an diesem Tag auf der Patision wieder viele Menschen neben einer Bar oder neben einem Café mit einem mitgebrachten Getränk. Ist billiger. Sie sitzen und warten. Vor ihnen schiebt ein Immigrant einen Einkaufswagen durch die Gluthitze, den er mit Pappe aus Müllcontainern vollgeladen hat. Der Asphalt auf der Patision scheint unter der Sonne zu schmelzen.

Vielleicht ist den Männern neben dem Café klar, dass ihr Leben immer noch besser ist, als das jenen Mannes, der sich aus der Hoffnungslosigkeit in der Heimat nach Griechenland gequält hat. Der dort erfährt, dass ihm der Hass vieler frustrierter Griechen gilt, dass er hier sein Dasein fristen wird, weil der Staatsapparat unfähig ist, mit dem immer größer werdenden Einwanderungsproblem umzugehen.

Die Patision ist somit auch ein Spiegel für wachsende Ausländerfeindlichkeit, für vermehrte Übergriffe, für den Sieg der Rechtsradikalen bei der letzten Wahl. Die Patision führt vorbei an Parks, aus denen fast jede Nacht Geschrei und Polizeisirenen ertönen und in denen illegale Einwanderer versuchen, CDs zu verkaufen. Sie führt zum Omonia-Platz, auf dem nicht nur nach einem gewonnenen Fußballspiel der Griechen bei der Europameisterschaft Immigranten verprügelt wurden. Aber die Patision gibt an ihrem Ende auch einen Blick frei: den auf die Akropolis. Nikos steht auch deshalb noch gerne vor seinem Geschäft auf der Patision - und raucht.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Frustriert, ausgelaugt, erschöpft: Wie die Griechen die Krise erleben"

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  • Die Griechen werden vor lauter Lachen Bauchschmerzen haben, das ist es.

  • @WinfriedSobottka:

    "Die Würmer von heute werden - so, oder so - letztlich für ihre Dummheit,ihre Feigheit und ihren kurzsichtigen Opportunismus in eigener Sache zahlen, viel teurer, als sie es sich heute vorstellen können."

    Die „Würmer von heute“ haben dann schon längst ihr Schäflein ins trockene gebracht. (Schweiz, Lichtenstein, Luxembourg, Cayman Islands, Singapur, etc.). Und das Volk ist dieses Gebahren schon seit über 40 Jahren gewohnt. Da ändert sich so schnell nichts.

  • Sorry, hanbe den Link vergssen.
    mea culpa, mea maxima culpa!

    "Griechische Politiker schaffen Geld ins Ausland"
    Quelle: FTD
    http://www.ftd.de/politik/europa/:drohende-staatspleite-griechische-politiker-schaffen-geld-ins-ausland/60174486.html

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